Kunstleider und Liederkunst

12. Juli 2005, 14:17
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Die britischen Superstars Coldplay gastierten am Sonntag im Rahmen des Nuke-Festivals erstmals in Österreich

Am Ende eines langen Konzertwochenendes hielten sie auf einem vom Regenwetter arg in Mitleidenschaft gezogenen Gelände öffentlich Seelenschau.


St. Pölten/Hofstetten - "Is everybody okay on the hill up there?", erkundigte sich ein bereits warmgespielter Chris Martin. Der ferne Hügel, an dessen Besucher sich Martins Frage adressierte, war außerhalb des Konzertgeländes. Also dort, wo man kein Ticket brauchte, dank zweier großer Videoschirme und einer das ganze Tal bedienenden Soundanlage auch als Zaungast nicht gerade schlecht bedient wurde.

Schon an dieser Geste merkte man deutlich: es menschelt. Und natürlich fand der 28-jährige Brite auch Dankesworte für jenes Publikum, das ihm und seinen drei Mitstreitern bei ihrem ersten Österreich-Auftritt nahe und näher sein wollte: "Danke, dass ihr diesen ganzen Dreck, den Regen und die Fahrt hierher auf euch genommen habt, nur um uns zu sehen." Jubel, Applaus, Rührung.

Und dann eine Ankündigung, die im britischen Wetter auch solchen Humor transportierte: "Dieser Song macht vielleicht mehr Sinn, wenn wir das nächste Mal in Österreich spielen - Warning Sign." Dieses Warnschild ignorierten die hier versammelten Fans - und werden es wohl auch in Zukunft tun.

Denn Coldplay, die mit ihrem zwölf Millionen Mal verkauften Debüt Parachutes (2000) und dem nicht viel weniger erfolgreichen Nachfolger A Rush Of Blood To The Head (2002) zu Superstars aufstiegen, gaben den im knöcheltiefen Schlamm eines von tagelangem Regen verwüsteten Boden stehenden Besuchern, was diese nicht nur angesichts der Konzertumstände von ihnen heiß ersehnten: Trost, Rat - und Halt.

Coldplay gelten als Vertreter einer neuen, selbstbewussten Sensibilität im britischen Pop. Nachdem in den 90er-Jahren Angebertypen wie die Brüder Gallagher von Oasis den Ton anzugeben schienen, war es um die Jahrtausendwende Zeit für eine Neuorientierung. Wobei neu eine Rückbesinnung auf alte Helden und deren Formeln bedeutete. Bands wie Coldplay, Travis oder Starsailor scheuten sich in ihrer Liederkunst nicht mehr davor, in zum Teil weinerlichen Waschlappensongs Selbstfindung ohne Rücksicht auf eventuelle Imageschäden zu betreiben.

Fleischer und Zweifler

Dass damit durchaus Karriere zu machen ist, lebten damals bereits Radiohead vor, die mit Thom Yorke als sich selbst zerfleischendem Zweifler diesen Typ Frontmann reetablierten. Formal bedienen sich Coldplay bei den Errungenschaften von Vorgängern wie Echo & The Bunnymen: zerbrechliches Pathos, das flirrende Gitarren in die Höhe treibt, während ein sattes Rhythmusfundament die Erdung übernimmt.

Mit dieser Ästhetik momentan auf Welteroberungskurs, spielten die vier alte und neue Hits wie Yellow, In My Place, The Scientist, Clocks oder Fix You und Speed Of Sound vom aktuellen Album X&Y. Martin, der mit der Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow verheiratet und Vater einer Tochter ist, wechselte dafür zwischen Klavier, akustischer und Stromgitarre. Doch selbst wenn er an den Tasten sitzend heftig den Hocker ritt, stellte sich im Verlauf des Konzerts schon überdeutlich heraus, dass Coldplay im Wesentlichen nur zwei Songs haben: einen langsamen - und einen etwas schnelleren.

Für diese Erkenntnis musste man nicht in die niederösterreichische Einöde fahren, das lässt sich auf jedem Coldplay-Album nachhören. Und dass die Band live nicht mehr Druck erzeugte und ihre eigenen Songs nur allzu brav nachstellte, ließ einen bald an der Rechtfertigung der auf sich genommenen Strapazen zweifeln. Den Mehrwert, den ein Konzert im Unterschied zu der Musik vom Tonträger ausmachen sollte - man suchte ihn hier über weite Strecken leider vergeblich.

Natürlich waren die Band und die exzentrische Körpersprache Martins sympathisch. Aber seine sich berechenbar in jedem Song Richtung Nobelkastrat überschlagende Stimme sowie sein Kunstleiderpathos, das dem von Bono Vox von U 2 oft gefährlich nahe kam, nervten auf voller Konzertdistanz dann doch zunehmend.

Die so übersetzte individuelle Seelenpein war noch nie stadienkompatibel. Gerade als ach so sensibler Mensch sollte man das wissen - und danach handeln. (DER STANDARD, Printausgabe,12.07.2005)

Von Karl Fluch
  • Chris Martin von Coldplay in einem raren Moment der wirklichen Hingabe. 
Der Rest des Österreich- 
Debüts wirkte dagegen reichlich routiniert.
    foto: standard/newald

    Chris Martin von Coldplay in einem raren Moment der wirklichen Hingabe. Der Rest des Österreich- Debüts wirkte dagegen reichlich routiniert.

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