Anschwellendes Gelächter

11. Juli 2005, 21:40
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Das Attis Theater Athen mit Sophokles' "Ajax" bei Art Carnuntum: Theater kann knallen

Petronell/Carnuntum - Wovon dieses Wüten, Ächzen, Turnen und Deklamieren kündete, man hätte es ohne Begleittext sicher nicht erraten. Das Attis Theater Athen zeigte im Rahmen des Antike-Festivals Art Carnuntum am Samstag in der Reithalle des Schlosses Petronell Ajax, die früheste überlieferte Tragödie des Sophokles.

Sie thematisiert die aus falschem Ehrgefühl und fehlendem Gewissen resultierende Unfähigkeit, Schuld einzugestehen. So steht es zumindest in Sophokles' Text, der davon handelt, wie ein Ajax im Blutrausch in dunkler Nacht eine Horde Feinde abschlachtet, die sich bei Tageslicht als Beutevieh entpuppt. Was der griechische Regisseur Theodorus Terzopoulos in seiner Adaption Ajax - der Wahnsinn aus dem auf die Tat folgenden Konflikt gemacht hat, ist praktisch ein ganz neues Stück. Er verteilt den tragischen Helden auf drei Erzähler, die sich mit seiner Situation identifizieren und die inneren Kämpfe des nur sehr beschränkt Einsichtigen mit allen Mitteln der (Körper-)Sprache lustvoll nach außen transportieren.

Dass der gesprochene Text an diesem Abend Neugriechisch war, vermochte nur unwesentlich zu irritieren. Schließlich wohnte man einem - hier muss das Wort ausnahmsweise erlaubt sein - Event im besten Sinne bei, der noch stärker vom Rhythmus der Sprache geprägt war als von ihrem Inhalt; von der Körperbeherrschung der faszinierend synchron agierenden, mit Messern tanzenden Schauspieler (Tasos Dimas, Meletis Ilias, Savvas Stroumpos); von Wiederholungen und Variationen; vom Spiel mit Licht und Schatten; von Musik (leise spielte es gegen Ende Pink Floyds "Get Your Filthy Hands Off My Desert").

Nacheinander versetzten sich die Akteure in den abwesenden Protagonisten. Einer jeweils trat aus dem Ensemble zu einer Art Solo heraus und verkörperte mit großer Intensität die vielen Gesichter von Ajax' Furor auf sich selbst und den Rest der Welt. Alle zogen damit das Publikum in ihren Bann.

Allein die von minutenlang anschwellendem Lachen, das am Ende in Weinen umkippte, geprägte Eröffnungssequenz hätte schon den Besuch dieses Ajax in Carnuntum gelohnt. Lang anhaltender Applaus für eine Stunde, die bewies: Theater kann knallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

Von Sebastian Fasthuber

Am 22. Juli bei Art Canuntum:
die Verfilmung der "Perser"-Inszenierung von Martin Wuttke.
  • Der Wahnsinn des Ajax - ein präzise choreografierter, synchroner Tanz mit dem Messer der Gewalt.
    foto: art carnuntum

    Der Wahnsinn des Ajax - ein präzise choreografierter, synchroner Tanz mit dem Messer der Gewalt.

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