Magie der klangvollen Stille

11. Juli 2005, 19:54
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Eröffnung des Carinthischen Sommers mit Arvo Pärts "Der Weg"

Ossiach - In seiner faszinierenden Eröffnungsrede ging Peter Härtling mit der Äußerlichkeit von Events ins Gericht und verwies auf die intensive und nachhaltige Substanz von Kulturfesten, Intendant Thomas Daniel Schlee rief zur "Unterscheidung", zu Qualitätswertungen auf. Arvo Pärt, Composer in Residence, lässt mit seiner Azione sacra Der Weg tief in seine musikalische Imagination blicken, mit einem Werk, das unter dem Begriff "Kirchenoper" die zentrale Stellung im diesjährigen Festivalprogramm einnimmt.

Aus bereits existierender Musik seiner populären, gefestigten Schaffenszeit schuf der Komponist die problematische Voraussetzung zum Text Reinhard Deutschs: Ein "junger" Mensch hegt Zweifel am irdischen Dasein, ein "Alter" weist ihm mögliche Wege, Ausgang ungewiss. Auf der Suche nach Gott werden Bibelzitate mit tief gehender, weit gehend unkritischer Religiosität vermischt.

Die Protagonisten agieren mit ihrem getanzten Über-Ich, gleichsam Schatten, die ihre Seelen verkörpern. Die Verkettung von Fragen und Antworten, die stetig zweifelnde Suche nach Erkenntnis durchziehen das zutiefst spirituelle Werk. Pärts Affinitäten zu Gregorianik und Renaissance erwirken eine seltsam feierliche, mystische, bisweilen langatmige Atmosphäre, seine "Minimalismen" verlieren bisweilen an Spannung. Es fehlt die Empfindung von Ganzheitlichkeit, zu deutlich wird die bruchstückhafte Aneinanderreihung ursprünglich eigenständiger Werke bewusst, Text und Musik vermitteln nicht den Eindruck von Zusammengehörigkeit!

Unter der Regie Heinz Trixners entwickelt sich kein szenischer Duktus, der oratorische Erzählcharakter überwiegt, die "handelnden" Personen, Rainer Hauer und Alexander Strömer, erschöpfen sich in einer statischen Bibellesung. Voll überzeugen können der Arnold Schönberg Chor sowie die Camerata Salzburg unter der peniblen Leitung Erwin Ortners, atemberaubend die Intonationssicherheit bei "Zwei Beter" (für Frauenchor a cappella), die immense Dynamik im abschließenden Te Deum! Berit Barfred-Jensen besticht in "L'abbé Agathon" mit lupenreinem Sopran. Phasen der Inhomogenität werden letztlich von hoch stehenden ünstlerischen Qualitäten überdeckt! (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

Von Bernhard Bayer

Carinthischer Sommer
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