100 Tage BZÖ: Die neue Partei kommt nicht vom Fleck

21. Juli 2005, 17:50
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Alles läuft wunderbar, sagen orange Spitzenfunktionäre - Eine Reise durch die Welt der Orangen in elf Stationen

Der zweite Startversuch

In den ersten 100 Tagen ist das BZÖ nicht so recht vom Fleck gekommen und hat mehr mit Pleiten (Stichwort Bundesrat Kampl) als mit inhaltlichem Profil von sich reden gemacht. Am Mittwoch erfolgt der Versuch des Neustarts. Im orangen Kernland Kärnten - wo sonst? -, wo dank des Komplettwechsels der Landespartei die Funktionärsdichte so groß ist wie in keinem anderen Bundesland. Dort treffen sich zu einer Klausur die wichtigsten BZÖ-Köpfe - also die Regierungsmitglieder und Jörg Haider. Beerdigt wird auf dieser Klausur der langjährige verbale Kern blauer Politik: der "kleine Mann". Orange umwirbt eine neue Zielgruppe und widmet sich "dem Mittelstand". Zumindest zehn Stunden lang. Dann wird gefeiert - im Strandbad Krumpendorf, in der "Lounge Orange". (eli)

Der Kaiser ohne Kleider

Starnacht am Wörthersee, Beachvolleyball-WM - der Kärntner Eventsommer wird dem Landeshauptmann und BZÖ-Chef noch viele Bühnen bieten - und ebenso viele Rollen. Der passende Rock für jeden Auftritt inklusive. Einmal trachtig, einmal trendy. Früher national, heute liberal. Einst blau, heute orange. Trotz Schwindel erregender Verwandlungskünste hat der einst massenberückende Selbstdarsteller Haider vor allem außerhalb Kärntens seine Strahlkraft verloren und damit sein BZÖ mit ihm. Fernab der wohlinszenierten Kärntner Regierungsbühne hält sich das Haider-Publikum in überschaubaren Grenzen. "Er hat schon einmal eine Partei groß gemacht und ist dann an sich selbst gescheitert", sieht ein BZÖ-Funktionär die Neugründung düster - freilich nur hinter vorgehaltener Hand. Selbst im Kärntner Kernland ist die Stimmung flau: "Des Kaisers neue Kleider" gefallen nicht mehr. (stein)

Der gespaltene Klubobmann

Es ist nicht so einfach, Herbert Scheibner richtig zu bezeichnen: "Freiheitlicher Klubobmann (BZÖ)" nennt ihn die Austria Presse Agentur. Die blau-orangen Verhältnisse im Parlament sind zumindest so kompliziert wie Scheibners Titel: Er muss elf orange, drei deklarierte blaue und vier Weder-noch-Abgeordnete koordinieren. Keine leichte Aufgabe: Der Klub ist die wichtigste Säule des BZÖ. Weil er die Regierungsmehrheit garantiert und weil er Geld bringt. Die Klubförderung (1,98 Millionen Euro) war von Anfang an in Haiders Abspaltungsplan einkalkuliert. Zumindest in den Klubstatuten ist das blau-orange Nebeneinander offiziell: Aufgabe des Klubs ist es nicht mehr, "Politik der FPÖ" umzusetzen. Die neue Formulierung: Die "politische Willensbildung findet im Klub statt" - ohne Verweis auf FPÖ oder BZÖ. (tó)

Der General ohne Truppen

Uwe Scheuch ist die orange Gute-Laune-Maschine. Sein Job als BZÖ-Sprecher ist es auch, schwierige Situationen schönzureden. So kann er im geringen Zulauf zum BZÖ durchaus Vorteile erkennen: "Wir wollen nicht mehr diese vielen Heerscharen an Funktionären, weil dadurch der Apparat schwerfälliger wird. Schlank zu arbeiten erhöht die Kreativität." In manchen Schwierigkeiten sieht aber nicht einmal mehr Scheuch Positives - und gibt zu: "Die Ankündigung Hubert Gorbachs, dass er sich zurückzieht, hat uns sicher geschadet." Auch organisatorisch habe er sich "manches leichter vorgestellt". Damit ist aber schon Schluss mit ernst, und Scheuch grinst: "High Risk - High Fun." (eli)

Die "Wir sind anders"- Fraktion in Wien

Wenn Wien propagandamäßig anders ist, müssen sie jetzt noch einmal ganz anders sein. Vor allem: anders als die FPÖ. Wie soll es denn sonst auffallen, das BZÖ? Schon in der ersten regulären Gemeinderatssitzung nach der Spaltung: Das BZÖ stimmt demonstrativ für die Radio-Orange-Subvention. Auch wenn den Abgeordneten bei dem Sender bis vor Kurzem das freiheitliche G'impfte aufging. Aber: Jetzt ist alles orange. Drum werden im Sitzungssaal auch Orangen verteilt - nur die FPÖ bekommt Zitronen. Im Gegenzug: Betritt BZÖ-Chef Günther Barnet das Rednerpult, verlässt ein Teil der FPÖ-Riege den Gemeinderat. So geht das weiter mit den Sticheleien. Bis hin zur Auflösungssitzung. Wenn FP-Chef Heinz-Christian Strache von "künstlichem, vorgezogenem Neuwahlkasperltheater" redet, muss der militärisch ausgebildete BZÖ-Barnet zum Gegenangriff antreten - und der Auflösung zustimmen. (frei)

Der Platzhalter für Westenthaler

Barnet ist kein Spitzenkandidat - das weiß er selbst. Warum er dennoch, so wie die anderen sieben BZÖ-Mandatare im Wiener Gemeinderat und die beiden Bezirksvorsteher-Stellvertreter, je rund 100.000 Euro in den Wahlkampf investiert, lässt sich nur mit politischem Selbsterhaltungstrieb erklären - und mit der Hoffnung, dass sich Peter Westenthaler für ein Comeback breitschlagen lässt. Immerhin, so Barnet hoffnungsvoll, habe dieser unlängst mit einem orangen Gummi-Freundschaftsband am Handgelenk posiert. Wenn das kein Zeichen politischer Flexibilität ist. (tó)

Der Sekretär als Chef

Der Rollenwechsel muss manchmal schnell gehen. Um 13.12 Uhr ist Gerald Grosz Sekretär und würdigt als Pressesprecher von Sigisbert Dolinschek via Aussendung das Wirken des Staatssekretärs. Um 14.25 Uhr ist Grosz dann Chef - und sorgt sich als steirischer BZÖ-Obmann via Aussendung um den Wirtschaftsstandort Steiermark. Grosz ist ein Pendler zwischen Ministerbüro und Parteizimmer, zwischen Wien und Steiermark - als personifizierten Beleg für die Personalknappheit will sich der 28-Jährige aber nicht sehen. Solche Kritik prallt an Zappelphilipp Grosz ab: "Ich habe als Pressesprecher von Herbert Haupt gelernt, mir eine dicke Haut zuzulegen." Ob sein oranges Baby bei der steirischen Landtagswahl antritt, entscheidet sich im August. Zumindest bis dorthin wird Grosz weiterpendeln - und zwei Jobs in Personalunion machen. Das spart Geld - denn den Chefjob macht er unbezahlt. (eli)

Der Herr der leeren Kassen

Mit genauen Zahlen über die Finanzlage geizt der orange Finanzreferent Harald Fischl. Sieben Parteimitarbeiter gebe es derzeit, sie alle sitzen in der Parteizentrale im ersten Bezirk - dort, wo auch Orange-Generalwerber Gernot Rumpold seine Firma hat. Man zahlt Gehälter um die 2000 Euro brutto, wenn überhaupt. Rund 4000 eingetragene Mitglieder hat das BZÖ; sie steuern 30 Euro Jahresbeitrag in die orangen Kassen bei. Ab Anfang 2006 kann das BZÖ auch auf die Klubabgaben der orangen Parlamentarierer zugreifen - macht noch einmal 80.000 Euro extra. Weiters hofft man auf 4000 freiheitliche Parteimitglieder aus Kärnten, deren Mitgliedsbeiträge demnächst ins BZÖ fließen sollen. Spenden gäbe es auch, aber alle unter 3000 Euro. Die Zeiten der Spesenexzesse sind vorbei. Fischl: "Keine Parteiautos, keine Parteihandys, keine Spesen - Jörg Haider ist da ganz streng." (tó)

Das Innviertler orange-blaue Ehepaar

Keiner lebt die Zerrissenheit der FPÖ in Oberösterreich so plakativ wie der jüngst entmachtete Bezirkschef des Innviertels, Josef Brunmair. Der stellvertretende Klubchef der Blauen im Landtag steht zwischen den Fronten - privat und politisch: Denn seine Frau Isolde ist BZÖ-Sprecherin in Oberösterreich. Dennoch treten sie gemeinsam auf. So kamen die Brunmairs in trauter blau-oranger Zweisamkeit zu einer Veranstaltung von Haider und Haubner in die einstige blaue Hochburg Ried im Innkreis angereist. Probleme bereite die Liaison dem Ehepaar keine, da man stets bemüht sei, "Privates und Politisches zu trennen". Ohne Probleme schaffte es Josef Brunmair dann auch von der BZÖ-Veranstaltung in Ried zur abendlichen Sitzung des Landesparteivorstands in Linz. Problematisch war an diesem "farbenfrohen" Tag höchstens die lautstarke Kritik im Parteivorstand an Brunmairs privatpolitischer Flexibiltät. Anders die FP OÖ: Dort tendiert man nach drei Monaten der stolzen Unabhängigkeit wieder in Richtung Bundes-FPÖ. (mro)

Web-Geschichten der virtuellen Partei

Ein maltesisches Onlinewettbüro ist eine der ersten Firmen, die auf der orangen Website werben. Finanzspritzen dieser Art kann man gut gebrauchen. Denn trotz virtuell verbreiteter Happy-Doktrin behindern im realen Leben Geldnöte und Wahrnehmungsdefizite den neuen politischen Weg - zumal, wenn das Fernsehen dem Bündnis "mit einer skandalisierenden Berichterstattung Schaden" zufüge, wie die Orangen in ihrer Onlinezeitung wettern. Mit der Rubrik "Gschichten aus dem ORF" soll dem Treiben jener Herren, die "mit ÖVP-Segen in den ORF gehievt" wurden, ein Ende bereitet werden. Fans schauen aber ohnehin BZÖ-TV. Zu finden demnächst unter "Lounge Orange" - so der neue Name der von Rumpold um rund 15.000 Euro neu gestalteten Website. (kmo)

Die Prozente grundeln

Freuen über Umfragewerte kann sich das BZÖ nur in Kärnten. Jenseits der Kasnudelgrenze ist Orange kein Wählermagnet. Auf Bundesebene grundelt man zwischen zwei bis vier Prozent. OGM-Forscher Peter Hajek macht vor allem programmatische Schwächen dafür verantwortlich: "Es reicht nicht aus, nicht mehr mit Mölzer, Stadler oder Strache arbeiten zu wollen." Und ein inhaltliches Profil - das sei auch nach 100 Tagen nicht erkennbar. (kmo/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2005)

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