Europas ungesühntes Verbrechen

11. Juli 2005, 18:05
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Die Massaker von Srebrenica machen Bosniens europäische Integration zur Pflicht - von Adelheid Wölfl

Wenn die Angehörigen nun auf den grünen Holztafeln die Namen der Söhne, Brüder Ehemänner und Väter lesen können und die Überreste hunderter Opfer der Massaker von Srebrenica nun begraben werden, wird ihnen vielleicht etwas möglich, was vielen auch bisher noch schwer fiel: zu trauern.

Viele jener Männer, die am 11. Juli aus der muslimischen Enklave im serbisch besetzten Teil Bosniens vor der heran^rückenden Armee flohen, hatten ihren Frauen versprochen, dass sie sich später wieder in Tuzla oder Sarajewo sehen werden. Und manche Frauen warten noch heute auf ihre Männer. Rund die Hälfte der Opfer sind auch nach zehn Jahren noch nicht gefunden oder identifiziert worden.

Srebrenica - das größte Verbrechen auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg - ist noch immer nicht zu jener kollektiv erinnerbaren Realität geworden, die die notwendigen politischen Konsequenzen ermöglicht und der Würde der Opfer dient. Nicht nur weil die Massengräber so lange versteckt wurden.

Der Rassismus und die Idee eines Großserbien, die zu dem Krieg geführt hatten, und die Verbrechen selbst wurden weder nachhaltig identifiziert noch bekämpft. In Belgrad werden die Massaker nur mit dem Hinweis verurteilt, dass auch Serben Opfer waren. Das Wort Völkermord will keiner in den Mund nehmen. Und die beiden Hauptverantwortlichen, Ratko Mladi´c und Radovan Karadzi´c können nicht nur frei herumlaufen, ihr Konterfei ist auch auf T-Shirts und in Kaffeehäusern an der Wand zu sehen. Nicht nur Serbien ist nach wie vor in Geiselhaft der Revisionisten. Auch die Republika Srpska.

Srebrenica liegt heute in dieser bosnischen Serben^republik. Für viele muslimische Bosnier ist das so, als habe man im Frieden von Dayton die "ethnischen Säuberungen" der Serben noch bestätigt. Noch dazu torpedie-

ren Vertreter der Republika Srpska nach wie vor den Aufbau eines gemeinsamen Bosnien. Zehn Jahre danach müsste dies wohl dazu führen, den Friedensvertrag gründlich zu überarbeiten. Zehn Jahre danach bleibt von Srebrenica aber auch der Auftrag an uns Europäer, die Verantwortung wenigstens heute zu tragen.

Die Massaker waren ja

nicht nur die Folge davon, dass aus vorangegangenen Kriegsgräueln nicht die Konsequenz gezogen wurde und die serbische Führung von der internationalen Gemeinschaft völlig falsch eingeschätzt wurde. Srebrenica verdeutlichte vor allem das Fehlen von geeigneten Interventionsinstrumenten und Strategien.

Die niederländischen UN- Soldaten in den Schutzzonen in Bosnien waren schlichtweg nicht dazu ausgestattet, die muslimische Enklave militärisch tatsächlich verteidigen zu können. Und sie wussten aufgrund ihres widersprüchlichen Mandats nicht, ob sie das überhaupt tun sollten.

Die Blauhelme ließen sich von dem pöbelnden bosnisch- serbischen Kommandanten Ratko Mladi´c wie kleine Schulbuben einschüchtern. Sie gaben sofort nach, als

die Soldaten ihnen die "Evakuierung" der muslimischen Flüchtlinge aus der Hand nahmen. Das, was Mladi´c "Eva^kuierung" nannte, führte, wie wir heute wissen, dazu, dass 7800 muslimische Männer kaltblütig ermordet wurden.

Die Kameras liefen mit, als die Muslime vertrieben wurden; und die Nato-Flugzeuge, die ihnen militärische Unterstützung bringen hätten sollen, kehrten wegen Schlechtwetter wieder zu ihrem Stützpunkt zurück.

Srebrenica bildete dann endlich den Wendepunkt im Balkankrieg, danach erzwang die Nato ein Ende. Und heute sind auch humanitäre Interventionen möglich. Die Europäer mussten sich aber bewusst werden, dass sie nicht einmal auf ihrem eigenen Kontinent in der Lage gewesen waren, Zivilisten vor Massakern zu schützen. Auch da^raus erwächst eine Verpflichtung. Europa muss alles dazu tun, das Land aufzubauen und schließlich zu integrieren. Auch weil es den Angehörigen vor den grünen Holztafeln ein wenig Würde zurückgibt, wenn sie sicher sein können, dass es ein "Nie wieder!" gibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2005)

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