STANDARD-Interview: Laut schreien und die Welt erobern

18. Juli 2005, 10:47
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Franziska Michor hat mit 22 erreicht, wovon viele ein Leben lang träumen. Die österreichische Molekularbiologin und Mathematikerin ist Junior Fellow in der Harvard Society of Fellows. Nun wurde sie "Forscherin des Monats". Karin Eckert sprach mit ihr.

STANDARD: Sie arbeiten derzeit an mathematischen Modellen der Krebsentstehung. Worum genau geht es dabei?
Michor: Einerseits geht es um Vorgänge und Mutationen, die in jeder Krebsart vorkommen, andererseits um spezielle Krebsarten, etwa Darmkrebs oder Leukämien. Gerade eben ist eine Arbeit über die Dynamik von chronischer myeloischer Leukämie erschienen. In dieser Arbeit entwickeln wir ein mathematisches Modell, um ein quantitatives Verständnis der Leukämie zu etablieren und Vorhersagen über chemotherapeutische Behandlungen zu machen.

STANDARD: Welche Vorhersagen können Sie machen?
Michor: Chronische myeloische Leukämie wird durch das Philadelphia-Chromosom verursacht und mit einem spezifischen Therapeutikum - Imatinib - behandelt, das nur Krebszellen inhibiert und somit kaum Nebenwirkungen hat. Die Entwicklung von Imatinib war ein großer Erfolg in der Krebsforschung. Mit unserem Modell können wir zeigen, dass Krebsstammzellen - primitive Krebszellen, die unbeschränkte Teilungsfähigkeit haben - von Imatinib nicht inhibiert werden und diese Leukämie daher mit Imatinib nicht geheilt werden kann.

STANDARD: Sie haben Molekularbiologie und Mathematik studiert. Inwieweit war Ihr Vater, ein Mathematiker, für die Wahl entscheidend?
Michor: Mein Vater, Peter Michor, hat mir schon als kleines Mädchen vorgelebt, dass das Leben als Wissenschafter fantastisch ist: Entdeckungen machen - ich erinnere mich an Nächte, in denen um drei Uhr früh "Heureka!" durchs Haus schallte -, arbeiten, wann und wo man will, reisen, mit italienischen Physikern schlemmen. So wollte ich auch leben.

STANDARD: Die meisten verbinden mit Mathematik staubtrockene Materie. Was fasziniert Sie an der Mathematik?
Michor: Mathematik ist ein Hilfsmittel, um klar zu denken. Nur mit mathematischen Methoden können Argumente präzise formuliert und ihre Folgen überprüft werden. Der schlechte Ruf der Mathematik hängt, glaube ich, mit der miesen Qualität des Mathematikunterrichtes in der Mittelschule zusammen.

STANDARD: Wieso sind Sie denn ausgerechnet in die USA gegangen?
Michor: Die USA verfügen über eine unglaubliche Konzentration von fantastischen Forschern. Das hat auch mit den finanziellen Möglichkeiten hier zu tun, wobei der Unterschied nicht in der staatlichen, sondern in der privaten Förderung der Forschung liegt. Da gute Kollaborationen für die Forschung essenziell sind, ist wissenschaftlicher Fortschritt hier viel einfacher möglich.

STANDARD: Decken sich Ihre Erwartungen mit der Realität?
Michor: Die wissenschaftliche Qualität, Atmosphäre und Begeisterung sind besser, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. In der Lehre vor allem der Undergraduates bin ich hingegen überrascht, wie gut Österreich im Vergleich abschneidet. Mit meinem Studium in Wien habe ich mich für das Doktorat besser gewappnet gefühlt als meine Mitstudenten aus Stanford, Berkeley, Yale, und Harvard.

STANDARD: "Die tägliche Erfahrung lehrt, dass die Weiber in der Regel ohne Anlage für Mathematik sind", sagte Paul Möbius. Sind Sie die Ausnahme?
Michor: Frauen waren seit den Anfängen der universitären Forschung stark unterrepräsentiert und sind es zu einem etwas geringeren Masse immer noch. Weder das Mathematikdepartment in Harvard noch die Mathematikfakultät der Uni Wien hatten in ihrer ganzen Geschichte eine weibliche Professorin. Traditionelle Werte - die Frau als Hausfrau und Mutter - und die Diskriminierung in der Wissenschaft sind die Ursache dafür. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass Mädchen ihre männlichen Klassenkameraden in ihren Leistungen übertreffen.

STANDARD: Die "Forscherin des Monats" ist eine frauenspezifische Auszeichnung. Halten Sie Frauen für besonders förderungswürdig?
Michor: Ich halte den Preis für eine sehr gute Idee und sinnvolle Art, auf weibliche Forscher aufmerksam zu machen und ihr Selbstbewusstsein zu fördern. Denn würden wir so laut schreien wie die Männer, dann hätten wir schon längst die Welt erobert.

STANDARD: Sind Sie jemals anders behandelt worden?
Michor: Diese Erfahrung habe ich nie gemacht. Meiner Meinung nach beeinflusst das eigene Auftreten sehr, wie man von anderen Leuten behandelt wird. Ich habe in der Vorbereitungszeit zu meinem Lkw-Führerschein gelernt, dass es keinen Unterschied macht, ob man männlich oder weiblich ist. Ich war die einzige Frau in einer Gruppe von Männern, und ich habe den Führerschein genauso gut und schnell geschafft wie alle anderen. Natürlich fehlte mir die Kraft, zum Beispiel beim Anschließen des Anhängers, aber solche Nachteile konnte ich leicht durch gezielte Fußtritte oder genaueres Heranfahren mit dem Lkw an den Anhänger ausbügeln. Wenn man sich nicht inferior fühlt, wird man auch nicht so behandelt.

STANDARD: Das Verhältnis zu Ihrem Doktorvater Martin Nowak ist ein klassisches: männlicher Vorgesetzter und weibliche Mentee. Typisch für die gläserne Decke ist, dass Frauen gefördert werden, solange sie den über ihnen stehenden Männern den Sessel nicht streitig machen.
Michor: Martin Nowak ist ein fantastischer und sehr unterstützender Mentor, und ich denke, der größte Erfolg eines Mentors ist doch, wenn einem die eigenen Schüler über den Kopf wachsen. Das ist vielleicht eine naive Vorstellung, aber ich hoffe doch, dass die Wissenschaft mehr ein Miteinander als ein Gegeneinander ist. Und das Geschlecht der Beteiligten spielt hierbei keine Rolle. Aber natürlich stehe ich erst am Anfang meiner Karriere. Heute denk ich: Die gläserne Decke kann man als Wintergarten benützen. Außerdem gibt es in unserem Institut genügend Sessel.

STANDARD: Welche Charaktereigenschaften muss man besitzen, um mit 22 Jahren das Doktorat in der Tasche zu haben?
Michor: Fleiß und Enthusiasmus und die Liebe zum Forschungsgebiet - dann ist es auch nicht schwer, schnell weiterzukommen. Martin Nowak und mein Vater sind mir beide ein großes Vorbild, weil sie sehr enthusiastisch und begeistert an ihre Arbeit herangehen.

STANDARD: Wo sehen Sie sich sowohl beruflich als auch privat in zehn Jahren?
Michor: Als fünffache Nobelpreisträgerin mit meinen Islandpferden am Mars. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.07.2005)

Zur Person

Erst vor fünf Jahren begann Franziska Michor ihr Studium der Molekularbiologie und Mathematik an der Uni Wien. Im Juni 2002 hielt der in den USA lebende Martin Nowak die Erwin Schroedinger Lecture in Wien. Die Idee, unter seiner Betreuung das Doktorat zu absolvieren, wurde geboren. 2002 schloss sich Michor seinem Forscherteam in Princeton an, ein Jahr später folgte sie ihm an die Elite-Uni Harvard. Seit Juni 2005 steht nun PhD auf ihrer Visitenkarte, und sie kann mit ihren 22 Jahren bereits auf eine beeindruckende Publikationsliste verweisen.

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