Komödie des Überlebens

10. Juli 2005, 22:03
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Mit Franz Werfels Dreiakter "Jacobowsky und der Oberst" hat Regisseurin Maria Happel die Festspiele Reichenau glücklich erobert

Reichenau - Luxus pur: Die 3500-Seelen-Gemeinde Reichenau an der Rax verfügt seit Samstag nachweislich über einen zusätzlichen, ans örtliche Theater angeschlossenen Bühnenraum mit 120 Quadratmetern Spielfläche. Das Intendantenpaar der dortigen Festspiele, Peter und Renate Loidolt, hat es geschafft, die Errichtungskosten von 1,2 Millionen Euro zu zwei Dritteln selbst aufzubringen. Die restlichen 400.000 Euro berappte die Niederösterreichische Landesregierung.

Neben den zwei angestammten, allerdings ästhetisch in mehrerlei Hinsicht einschränkenden Spielstätten Theater Reichenau und Südbahnhotel ist dieser neue Raum ein Zugeständnis an die vom eingeschworenen Publikum mit Vorbehalt goutierte Tatsache, dass sich Theater bewegen und verschiedene Handschriften tragen kann.

Zur Einweihung: Regisseurin Maria Happel hat die von 270 Sitzplätzen konzentrisch umrandete Bühnenarena bis auf wenige, multipel genützte Podeste und einen ferngesteuerten Theater-Rolls-Royce ausgeräumt und Platz geschaffen für die vor allem auch sprachlich akzentuierten Figuren aus Franz Werfels Jacobowsky und der Oberst.

In dem Moment, als ein liebenswürdiger älterer Herr an die angsterfüllten Menschen in einem Pariser Luftschutzbunker anno 1941 zur Lockerung der Stimmung Marrons glacés verschenkt, ist schon der rechte Ton getroffen, den die samstägige Premiere im neuen Saal bis zum Ende hin noch vertiefen wird: ein Ton, der die Tragödie des Exils mit der Komödie des Überlebens vereint, der die (zum Teil nicht zu ertragenden) Beschwerden der Flucht vor den Nazis an der mitunter heiteren menschlichen Kleinheit (Lebensfreude . . .) abliest.

Flucht nach vorn

Vom Pariser Hotel "Mon Repos et de la Rose" aus beschließen die Exilpolen Jacobowsky (liebenswürdig professoral: Peter Matic) und der von Joseph Lorenz mit demonstrativen Gesten zur unernsten Version seiner selbst stilisierte Oberst Stjerbinsky angesichts der näher rückenden Front die Flucht nach England. Am Weg zur Atlantikküste packen die beiden die Geliebte des Letzteren, Marianne (Mercedes Echerer), wie zur unbeschwerten Fahrt ins Grüne auf ihren fleißig die Runden drehenden Wagen.

Hürden säumen ihren Weg: Nach dem Fliegerangriff - unnötig illustriert von historischen Fliegerprojektionen auf vier insgesamt 168 Quadratmeter großen Cinemascope-Leinwänden - putzt sich der Oberst galant die breiten Schultern; als hätte bloß ein Lastwagen zu viel Staub aufgewirbelt. Happels Inszenierung nützt den abgründigen Witz des Stücks durchgehend gekonnt. Im nächsten Jahr ist ihr Wedekinds Lulu bereits versprochen. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 7. 2005)

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    Fordern auf der Flucht vor den Nazis den Triumph des Überlebens auch mit der Automarke heraus: Peter Matic (links) und Hans Dieter Knebel.

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