Jazzfest: Ein Engel für gebrochene Herzen

15. Juli 2005, 13:41
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Antony & The Johnsons beim Jazzfest Wien

Wien - Ein Konzert, bei dem der Star des Abends kurzfristig beschließt, die Vorgruppe stimmgewaltig zu unterstützen: Da verlagern sich die Gewichtungen von "Kostbarkeit" neu - erst recht, wenn man, wie in diesem Fall, inständig das Ambiente eines Konzertsaals oder eines Nachtclubs herbeigesehnt hätte, um jene verletzliche Intimität auch live eingelöst zu sehen, die zuletzt I'm A Bird Now von Antony & The Johnsons zu einem der herrlichsten Alben der letzten Jahre werden ließ.

Jedoch: Im Arkadenhof des Wiener Rathauses, beim Jazzfest, wo unter Regenplanen eine relativ entspannte Runde von Die-Herzen-gebrochen-bekommen-Wollenden in jeder Phase Vorfreude und dann Begeisterung signalisierte, kam alles anders - und es war großartig. Nach der wunderbaren Vorgruppe, dem US-Schwesternduo Cocorosie, bewegte sich ein junger Mann mit langen schwarz gefärbten Haaren und Schlabberlook (Marke: Cure-Fan als Drei-Groschen-Romantiker) wie ein Krümelmonster zum Mikrofon und begann zu singen, als hätte sich aus dem regnerischen Himmel über Wien plötzlich ein Erzengel in die Innenstadt verirrt. Antony!

Diese denkwürdige Ambivalenz zwischen doch sehr bodenständigem Äußeren und einer unfassbaren Stimme - sie bestimmte wenig später auch Antonys 60-minütigen Auftritt mit den Johnsons - fünf bescheidenen Herren an Gitarre, Bass, Akkordeon, Violine und Cello -, der praktisch von Sekunde eins an mit den ersten Klavierakkorden von My Lady's Story das versammelte Publikum derart hinreißend in den Bann zog, dass man nur sagen konnte: Konzerthaus hin, Bar her - Kirche ist jetzt!

Anders als auf seinen Alben, auf denen Antonys Jun- ge-will-Mädchen-werden-Romanzen eine Aura tragischer Unerfülltheit umweht, kam das exzellente Songmaterial live fast heiter, ja, überlebenstüchtig herüber. Selbst beim unfassbaren You Are My Sister vermisste man Boy George nicht, der den Song auf I'm A Bird Now zum beispiellosen Duett werden lässt. Als Antony schließlich Lou Reeds Candy Says intonierte - sagen wir: Das war keine Coverversion mehr. Dieses Lied wurde wohl eigentlich für einen wie ihn geschrieben. Angeblich weint Lou Reed jedes Mal, wenn er Antony, der schon sein Backgroundsänger war, live hört. Und da weinen wir natürlich gerne mit.

Im Arkadenhof verbreitete sich übrigens das Gerücht, dass Antony & The Johnsons bald im Wiener Burgtheater auftreten werden - wenn, dann sind wir wieder dort. (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 7. 2005)

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