Nuke-Festival: Zappelphilipp und Herrenpilz

10. Juli 2005, 21:35
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Der Schlamm, ein Tagessieger und die große Enttäuschung beim niederösterreichischen Festival

St.Pölten/Hofstetten - Das Pielachtal ist schön. Wenn es schön ist. Wenn es regnet, ist es einfach ein Tal in Niederösterreich. Eines, in dem grau der Nebel hängt, während die Wiesen wie nach üppiger Völlerei in sattem Grün stehen. Wenn dann noch rund 18.000 Leute ein verhältnismäßig kleines Gelände der Dauerbelastung ihres Schuhwerks aussetzen, führt dies zum so genannten Gatsch.

Dem versuchte am Freitag beim Nuke-Festival manch ein metrosexueller Designerturnschuhbesitzer dadurch zu entgehen, in dem er sein wertvolles Fußwerk bescheiden kunstvoll in Plastiksäckchen steckte und diese mit Klebeband verschloss. Nicht jeder ist ein Christo, und wie schnell so ein Herrenpilz entsteht - aber lassen wir das.

Auf der Bühne steht nach den schon fast obligatorischen Kosheen aus Bristol, England, mit ihrem singenden Drum and Bass und was daraus wurde, der italienische Superstar Jovanotti. Der sieht aus wie ein irischer Wurzelsepp in Schlabberhosen: Ein mit rotem Bartwildwuchs umrahmtes Gesicht, weit aufgerissene Äuglein und den Zappelphillip im System.

Seine Mission entlud sich in einem Kauderwelsch aus italienischem Rap und deutschen Danksagungen, die von einer exzellenten Band samt Bläsersatz druckvoll in ein sich begeistert dem Tanz hingebendes Publikum gejagt wurden. Seiner Botschaft "Friede, Freude, Pizzabrot" konnte auch eine ausufernde Version von L'Ombelico del Mondo nichts anhaben - ein Partytier und Tagessieger!

Dann hieß es warten. Und warten und warten und warten. Gegen ein Uhr früh bequemten sich schließlich Lauryn Hill und ihre vielköpfige Band auf die Bühne. Lauryn Hill gilt als Superstar, seit sie mit ihrer früheren Band The Fugees und Hits wie dem adaptierten Roberta-Flack-Evergreen Killing Me Softly HipHop im Mainstream etablierte. Ihrem exzellenten Solodebüt The Miseducation of Lauryn Hill, von dem sie mit Doo Wop (That Thing) die Show eröffnete, folgte ein eher bescheidenes Werk, das lagerfeuerkranke Unplugged No. 2.0.

Ein Zwiespalt, der auch live nicht gelöst wurde - oder erst, als sie erwähnten Hit mit dem ihr noch verbliebenen Publikum schunkelnd in das Dunkel der Nacht sang. Denn Hills mehr neben- und gegeneinander denn miteinander spielende Band brachte die Show ebenso wenig in die Gänge wie die Frontdame selbst, als sie bei ihren wenig festivalkompatiblen Balladen nach den richtigen Saiten suchte.

Aber weil man ja gut erzogen ist, half man der Lady suchen, suchte also - und fand das Weite. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 7. 2005)

  • Lauryn Hill beim Nuke-Festival
    foto: standard/corn

    Lauryn Hill beim Nuke-Festival

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