"Verbund-Konkurrenz dämpft mögliche Stromverteuerung"

31. Juli 2005, 18:13
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Obwohl die Groß­handels­preise in die Höhe geschnalzt sind, rechnet Stromregulator Walter Boltz im STANDARD-Interview allenfalls mit mäßigen Tarifanpassungen im Herbst

STANDARD: Sie haben wiederholt kritisiert, dass es in Österreichs Strombranche kaum Wettbewerb gibt. Jetzt wirbt der Verbund massiv um Kunden, die ohne Zwischenhändler direkt mit billigerem Strom versorgt werden sollen. Zufrieden?

Boltz: Der Verbund-Einstieg in das Endkundengeschäft ist ein gutes Zeichen, der Markt wird dadurch belebt. Bisher haben die Energieversorger ja kaum geworben um Kunden. Das Werbebudget eines einzigen mittelgroßen Mobiltelefonanbieters ist wahrscheinlich so groß wie die Strombranche zusammengenommen.

STANDARD: Der Großteil der Landesenergieversorger überlegt eine Klage gegen den Verbund, unter anderem wegen unlauteren Wettbewerbs.

Boltz: Da wünsche ich viel Glück. Man wird einem Konkurrenten schwer verbieten können, günstiger anzubieten. Das ist eben der freie Markt.

STANDARD: Könnte der Verbund die Strommenge, die er nun direkt an österreichische Unternehmen und Haushalte liefern will, nicht zu einem besseren Preis im Ausland absetzen?

Boltz: Zu einem signifikant höheren Preis wahrscheinlich nicht. Außerdem muss man sehen, dass für jedes Unternehmen ein gewisser Sockel an Endkunden eine Absicherung gegen Preisschwankungen darstellt. Niemand kann sagen, ob die Strompreise am Großhandelsmarkt so hoch bleiben oder nicht doch sinken.

Den Strom dort teurer zu verkaufen als am Endkundenmarkt wäre dann schwieriger. Sollten die Großhandelspreise fallen, zahlen die Kunden zumindest ein halbes bis ein Jahr noch den alten, teureren Tarif weiter, bis auch am Endkundenmarkt die Preise bröckeln. So eine Strategie kann mir also durchaus helfen, die Erlöse zu stabilisieren.

STANDARD: Gehen Sie davon aus, dass die Landesenergieversorger in Reaktion auf den Vorstoß des Verbund nun auch verstärkt um Kunden werben?

Boltz: Möglicherweise. Was vermutlich noch passiert: Die nächste Teuerungsrunde bei Strom, die aufgrund der stark gestiegenen Großhandelspreise im Herbst fällig wäre, wird ganz oder deutlich geringer ausfallen.

Die Verbund-Konkurrenz dämpft also eine mögliche Stromverteuerung. Die Energieversorger werden nämlich sehr genau prüfen, wie der Markt auf den Verbund-Vorstoß reagiert.

STANDARD: Wie das?

Boltz: Weil man Angst hat, dass der Preisabstand zu groß wird. Mittelfristig wird es auch zu einer Reduzierung der Margen kommen, die in Ostösterreich im Vergleich zu Westösterreich sehr hoch sind.

STANDARD: Heißt konkret?

Boltz: Dass wir im Österreichdurchschnitt auf Margen von zehn bis 18 Prozent kommen statt derzeit 20 bis 30 Prozent. EVN, Energie AG Oberösterreich, Stadtwerke Klagenfurt, Wienstrom, Energie Graz, Linz AG und Bewag liegen bei den Margen alle zum Teil deutlich über 20 Prozent.

STANDARD: Zwei, drei Indikatoren, die Ihrer Ansicht nach auf Wettbewerb hindeuten?

Boltz: Zum einen die Wechselraten, die vorhin erwähnten Margen und generell die Art und Weise, wie sich Unternehmen auf dem Markt verhalten. Ich glaube, dass Preisgleitklauseln, die dem Lieferanten die Möglichkeit geben, die Preise anzupassen genauso wie All-inclusive-Verträge nur in einem Quasi-Monopol möglich sind. Das bessert sich jetzt zum Glück, nicht zuletzt dank der Branchenuntersuchung, die im vorigen Herbst in Österreich gestartet wurde.

STANDARD: Die Energieversorger argumentieren, die Wechselrate sei mit etwa drei Prozent pro Jahr deshalb so gering, weil der Wettbewerb derart intensiv betrieben werde und die Preise so tief seien, dass ein Wechsel kaum was bringe.

Boltz: Das kann man so nicht sagen. Ein Gewerbekunde in Niederösterreich kann sich bei einem Wechsel pro Jahr 180 Euro ersparen, in Wien spart ein durchschnittlicher Haushalt rund 60 Euro.

STANDARD: Warum wechseln trotzdem so wenige?

Boltz: Weil wir 40 Jahre lang ein Monopol hatten und dem Durchschnittsverbraucher in Gewerbe und Haushalt schlicht die Information fehlt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.07.2005)

Das Gespräch führte Günther Strobl

Zur Person

Walter Boltz (52) kommt von PriceWaterhouse- Coopers und überwacht seit 2001 als Chef der E-Control eine Branche mit 6,4 Milliarden Euro Umsatz.

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E-Control
  • Wechselraten, Margen, Verhalten: Daran glaubt Stromregulator Walter Boltz zu erkennen, ob es Wettbewerb gibt.
    foto: der standard/andy urban

    Wechselraten, Margen, Verhalten: Daran glaubt Stromregulator Walter Boltz zu erkennen, ob es Wettbewerb gibt.

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