Geheimdokumente der Regierung zeigen prekäre Lage der britischen Muslime

11. Juli 2005, 13:11
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In einem Gefäß aus Armut und Benachteiligung hat sich ein dicker Bodensatz aus Extremismus gebildet - Mit Infografik

Der Briefwechsel zwischen Sir Andrew Turnbull und John Gieve hat es in sich: Kurz nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 korrespondierten der Kabinettsminister und der Sekretär des Londoner Home Office auf Geheiß von Premierminister Tony Blair in Sachen gewaltbereiter Muslime in Großbritannien.

In den Verschlussdokumenten, die von der Sunday Times am Wochenende abgedruckt wurden, steht etwa zu lesen, dass es in Großbritannien 16.000 potenzielle muslimische Terroristen gebe, dass 10.000 Personen extremistische Zusammenkünfte besucht hätten, dass 13 Prozent der britischen Muslime neue Terrorattacken auf die USA guthießen und dass Al-Kaida selbst an Universitäten Attentäter anzuwerben versuche. Dieser radikale Bodensatz bildet sich dem mit dem Codewort "Contest" versehenen Dossier zufolge in einem Gefäß aus Armut und Benachteiligung:

  • Den 1,6 Millionen britischen Muslimen geht es wirtschaftlich schlecht :Die Arbeitslosenrate unter ihnen ist dreimal so hoch wie im Durchschnitt, ihre Erwerbsquote extrem niedrig. Ihre Berufsqualifikationen sind mangelhaft, an die 40 Prozent haben keinerlei Ausbildung. Sie leben in den heruntergekommensten Gegenden.

  • Ihre Identität beziehen die Muslime, vor allem die Jugendlichen, aus der Religion (als zweithäufigste Nennung nach der Familie). Besonders die jungen Gläubigen erleben den Umgang mit ihrer Religion allerdings als diskriminierend. Eine der Konsequenzen daraus ist der gesellschaftliche Rückzug: Die Mitglieder keiner anderen Religionsgemeinschaft beteiligen sich laut "Contest" so wenig am öffentlichem Leben wie die Muslime.

  • Daraus ergäben sich Unzufriedenheit, Ärger, Entfremdung und Aktivismus

    Die britische Außenpolitik wird als doppelbödig empfunden, da etwa in Afghanistan, im Irak, in den Palästinensergebieten oder in Tschetschenien jeweils andere Maßstäbe angelegt würden. Antiterrormaßnahmen und Ablehnung der Gesellschaft würden auch von Mittelklasse-Muslimen als bedrohlich erlebt, insbesondere Jugendliche seien dann für "simple islamische Lösungen" aller Probleme empfänglich.

    Die Gegenstrategien, die sich in den Papieren finden (verstärkter Dialog, Vorgehen gegen Islamphobie, mehr Integration, Jugendarbeit), erwiesen sich zumindest kurzfristig als kaum wirkungsvoll. Auch wenn etwa der prominente extremistische Prediger und ehemalige Afghanistankämpfer Abu Hamsa al-Masri (wegen seiner Prothese auch "Hook" genannt) seit wenigen Tagen vor Gericht steht. Seine Saat, die er in der Moschee im Londoner Finsbury Park in die Köpfe seiner Zuhörer gelegt hat, scheint eher aufzugehen als alle Dialogversuche der Behörden und der Regierung.

    Schon vor einem Jahr warnte demgemäß der Londoner Geistliche Omar Bakri Mohammed vor einer "großen Operation". Eine sehr gut organisierte europäische Al-Kaida-Zelle arbeite daran. Am Donnerstag stellte sich allem Anschein nach heraus, dass der aus Syrien stammende Prediger, der die Anschläge vom 11. September 2001 in New York begrüßt hatte, den Mund nicht zu voll genommen hatte. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2005)

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      Traditionelles Freitagsgebet in der Moschee am Regent´s Park in London.

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      Unter Beobachtung: Ein Gefolgsmann des radikalen Predigers Abu Hamsa al-Masri (unten im Bild) spricht vor der Moschee in Finsbury Park.

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      foto: epa/john stillwel
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