Der Kannibale auf der Stegreifbühne

29. Juni 2006, 15:36
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Merckx zu Gast bei Tour der Pannen und Impro­visationen - Gesamtsieg an Mercado - Die letzte Etappe ging an den Österreicher Summer

Mit dem Sprintsieg des Österreichers Jochen Summer vor dem Deutschen Erik Zabel und dem Gesamtsieg des Spaniers Juan Miguel Mercado endete am Sonntag auf dem Wiener Rathausplatz die Österreich-Radrundfahrt. Tags zuvor gastierte die Legende Wien - Auch am Samstag in Podersdorf hatte der Himmel für die Hervis Tour 2005 nur haltloses Schluchzen übrig. Und irgendwie war sie auch zum Weinen, diese 57. Österreich-Radrundfahrt. Ein geschlossener Bahnschranken auf der ersten Etappe, eine halbierte Glockneretappe wegen Schneefalls, eine fehlgeleitete Spitzengruppe am Ende der dritten Etappe in Kitzbühel, eine durch Unwetter auf 52 Kilometer reduzierte fünfte Etappe. Wegen des Regens nur 1000 statt der leicht möglichen 20.000 Zuschauer in Podersdorf und ein brutaler Sturz von Vasilis Anastopoulos zum Abschluss vor dem Wiener Rathaus. Der griechische Meister krachte bei Tempo 70 in die Absperrung, war kurz bewusstlos, kam aber mit leichten Verletzungen davon.

Immerhin, mit Mercado gab's einen würdigen Gesamtsieger, mit Trampusch, dem Chef am Kitzbüheler Horn, einen Österreicher, der mithalten und aufs Podest fahren konnte. Und mit Eddie Merckx einen Gast in Podersdorf, der auch ein Kirmesrennen zum Event geadelt hätte. Geladen und bezahlt von der Burgenland Touristik (2000 Kilometer Radwege!), begleitet vom dreifachen Giro-Sieger Felice Gimondi und von Österreichs Bahnrad-Weltmeister Franz Stocher, verewigte sich der legendäre Belgier per Handabdruck in Gips auf dem "Platz der Radchampions".

"Das ist schon etwas besonders, auch wenn ich ähnlich schon einmal in Spanien geehrt wurde", sagte der seit kurzem 60-jährige Belgier, den sie wegen seines nie zu stillenden Hungers nach Siegen den Kannibalen nannten. 525 Einzelsiege auf der Straße und 17 Erfolge bei Sechs-Tages-Rennen auf der Bahn hat er zwischen 1965 und dem Karriereende mit 32 Jahren 1978 selbst gezählt. Unbestritten sind je fünf Gesamtsiege bei Tour de France und Giro, drei WM-Titel, sieben Erfolge bei Mailand-San Remo, fünf bei Lüttich-Bastogne-Lüttich (jeweils Rekord), drei bei Paris-Roubaix und je zwei bei Flandern-und Lombardei-Rundfahrt.

Die ewige Frage, ob sich ein Lance Armstrong mit ihm messen könne, beantwortete Merckx auch im feuchten Burgenland trocken: "Wir sind die Besten unserer Generation". Freund Lance, dem modernen Radsport überhaupt, wirft er aber die totale Konzentration auf die Tour de France vor. "Das ist natürlich das wichtigste Rennen, aber ich bin immer von Februar bis Oktober gefahren, weil auch andere Rennen, andere Siege wichtig sind." Merckx, seit 25 Jahren Fahrradfabrikant und Ausrüster seines 33-jährigen Sohnes Axel, dem Olympiadritten von Athen, sorgt sich um den Unterbau. "Für kleinere Veranstaltungen wie die Österreich-Tour wird es immer schwieriger starke Profis an den Start zu bringen und Sponsoren zu gewinnen."

Noch nicht am Ende

Auf solch kleine Rennen ist derzeit noch Gerhard Trampusch mit seinem deutschen Miniteam Akud angewiesen. Schon 1999 Vierter der Ö-Tour galt der damals 20-jährige Tiroler als das ultimative Talent in Österreich. Telekom (heute T-Mobile) holte ihn als Domestik, "aber das war nicht die richtige Mannschaft für mich". Es folgte ein Jahr bei Mapei, "dort haben sie mich mit 118 Rennen in einer Saison umgebracht". Trampuschs dritte und vierte Profichance waren Gerolsteiner und Acqua e Sapone, "da war ich durchgehend krank".

Im Winter standen die Zeichen auf Abschied, dann kam das Angebot von Akud und ein Frühjahr mit gesundheitlichen Problemen. "Aber jetzt bin ich in Form gekommen. Das Radfahren macht endlich wieder Spaß." Am Kitzbüheler Horn feierte Trampusch den ersten Profisieg. Ein Merckx wird er nicht mehr, aber Trampusch wollte ohnehin immer nur Trampusch sein. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 11.7. 2005)

Ergebnisse der 7. und letzten Etappe: 1. Jochen Summer (AUT/Elk Haus) 2:55:43 Stunden - 2. Erik Zabel (GER/T-Mobile) - 3. Luca Paolini (ITA/Quickstep) - 4. Giosue Bonomi (ITA/Lampre-Caffita) - 5. James Vanlandschoot (BEL/Landbouwkredit) - 6. Marcel Sieberg (GER/Team Lamont) - 7. Rene Haselbacher (AUT/Gerolsteiner) - 8. Leif Hoste (BEL/Discovery Channel) - 9. Sergio Mariangeli (ITA/Naturino) - 10. Geoffroy Lequatre (FRA/Credit Agricole) - 11. Martin Comploi (AUT/Elk Haus) - 12. Werner Riebenbauer (AUT/Team APO Sport) - 13. Johann Tschopp (SUI/Phonak) - weiter: 15. Paul Kasis (AUT/Sky Plastic) - 17. Juan Miguel Mercado (ESP/Quickstep) - 18. Christoph Kerschbaum (AUT/Sky Plastic) - 29. Wolfgang Murer (AUT/Elk Haus) - 30. Gerhard Trampusch (AUT/Akud) alle gleiche Zeit

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    Vorbei an der Oper.

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    Hand in Gips, aber nichts gebrochen: Eddy Merckx in Podersdorf.

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