Pressestimmen: Sicherheit vs. Freiheit

13. Juli 2005, 12:45
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"De Morgen": "Tausende Überwachungskameras in den U-Bahnen machen weniger Sinn als ein Gespräch mit dem Nachbarn"

Berlin/Brüssel - Die Reaktionen auf die verheerenden Londoner Terroranschläge werden am Samstag von zahlreichen europäischen Zeitungen kommentiert:

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Man muss die Briten bewundern, die auf die Anschläge so gefasst reagiert haben. (...) Sie wurden nicht von Wilden verübt, die aus unzivilisierten Fernen mit roher Gewalt in unsere Gesellschaft einbrechen. Nein, die mutmaßlichen Täter stammen aus einer hochzivilisierten Kultur, sind, wenn es denn stimmt, von Motiven geleitet, die sich auf eine der großen Weltreligionen dieser Erde berufen, und gehen mit einer instrumentellen Rationalität vor, die zu den Errungenschaften des Westens zählt. Der Schrecken, den sie verbreiten, rührt von der grimmigen Entschlossenheit, mit der ihr Gewissen, das absolut mit sich im Reinen ist, auf den maximalen Blutzoll ihrer Opfer aus ist."

"Die Welt" (Berlin):

"Vollkommene Sicherheit gibt es nicht, und verhindern lassen sich Attentate wie in London oder Madrid letztlich nicht. Und wir wollen auch keinen totalen Überwachungsstaat. (...) Je mehr Attentate es gibt, desto zwingender wird ein klares Bekenntnis der hier lebenden Moslems zu Toleranz, Demokratie und westlicher Rechtsordnung. Das haben viele Moslems nicht begriffen, die in ihren Stadtvierteln islamische Parallelwelten aufziehen."

"General-Anzeiger" (Bonn):

"Wenn ausgerechnet George W. Bush sagt, die USA wollten der 'Ideologie des Hasses', die sich in den Terrorakten von London gezeigt habe, eine 'Ideologie der Nächstenliebe' entgegen stellen, dann kommt vielen Moslems angesichts des Irak-Krieges die Galle hoch. Nach diesem Verständnis greift Al-Kaida nicht an, Al-Kaida schlägt zurück. Und da liegt das Problem: Al-Kaida wird weiter Bomben zünden, so lange sich die Organisation einer gewissen Unterstützung in der islamischen Welt sicher sein kann. (...) Zwar betätigt sich der Westen bei seinem Feldzug im Irak ungewollt als Helfer von Al-Kaida. Doch auch ohne Krieg in Bagdad läge die Hauptaufgabe bei der großen Mehrheit der friedliebenden Moslems in aller Welt: Sie müssen etwas dagegen unternehmen, dass Terroristen ihren Glauben zur Rechtfertigung von Gewalt missbrauchen. Nicht der Westen, nur die Moslems selbst können am Ende Al-Kaida besiegen."

"Berliner Zeitung":

"Nicht der Terror, sondern erst der von den Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 eröffnete 'war on terror' hat eine Schneise der Verwüstung geschlagen, die keine Bombe jemals zu Wege brächte. Die faktische Proklamation des permanenten Ausnahmezustands, die partielle Suspendierung etlicher Menschen- und Bürgerrechte im Zeichen des Anti-Terror-Kriegs - von den europäischen Gesetzgebern in unterschiedlicher Intensität nachvollzogen - darf sich der islamistische Terror als Triumph zuschreiben. Ob die Liquidierungen rechtsstaatlicher Garantien die Sicherheit der Gesellschaften tatsächlich erhöht hat, ist eine offene Frage. Aber unbestreitbar ist, dass jede Liquidierung den freien Gesellschaften genommen hat, was sie angeblich verteidigen sollte - einen Teil ihrer Freiheit. Niemand weiß, wie der 'war on terror' zu gewinnen ist. Aber so, wie er seit Jahr und Tag geführt wird - als Auseinandersetzung Sicherheit versus Freiheit - , kann er nur verloren werden."

"De Morgen" (Brüssel):

"Terrorbekämpfung beginnt im direkten Lebensumfeld. Nicht, indem man einen Bogen um die 'anderen' schlägt, sondern indem man sie mit Respekt behandelt. Tausende Überwachungskameras in den U-Bahnen machen weniger Sinn als ein Gespräch mit dem Nachbarn, zu Hause, auf der Straße oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln."

"Le Soir" (Brüssel):

"Nach aller Logik dürfte der 7. Juli, dieses Synonym für die Barbarei, dem gemeinsamen Kampf der EU-Mitgliedstaaten gegen den Terrorismus neuen Schwung geben. Entsprechende Schritte hatten sich schon nach den Attentaten von New York und Madrid aufgedrängt. Am Freitag legte die Kommission eine große Auflistung neuer Maßnahmen vor, die sie vorschlagen will, und erinnerte daran, dass die Herausforderung des Terrorismus von Dauer ist. (...) Was wird dabei herauskommen? Zunächst einmal wahrscheinlich nichts außer einer gemeinsamen Erklärung. Der Rest hängt vom Willen der Mitgliedstaaten ab, ihr Vorgehen rasch zu koordinieren."

"The Times" (London):

"Ein dringende Frage ist, ob die Terroristen in Großbritannien rekrutiert wurden oder aus dem Ausland über die Grenze gelangten. Beide Szenarios geben zur Sorge Anlass. Falls Al-Kaida oder eine der anderen formlosen Gruppierungen mit nihilistischer Ideologie es geschafft haben sollten, 'Schläfer' nach Großbritannien geschleust zu haben, wäre dies ein schwerer Rückschlag für die Sicherheitsdienste. Dies würde nahe legen, dass das weltweite Terrornetzwerk die Razzien, Tötungen und Festnahmen in Pakistan, dem Nahen Osten und Afghanistan besser überstanden hätte als angenommen."

"Le Monde" (Paris):

"Es war richtig, das G-8-Treffen in Gleneagles fortzusetzen. Ein Abbruch hätte den Terroristen nur noch einen zusätzlichen Erfolg verschafft. Die Islamisten wollen letztendlich die westliche Welt zerstören, ihren Lebensstil und ihre Wertvorstellungen. Die Feinde der Industrieländer setzen auf die Angst und fürchten sich nicht, ihr Leben dafür zu opfern. Die Stärke der westlichen Gesellschaften liegt darin, einen wirksamen Kampf gegen den Terror zu führen aber gleichzeitig demokratische Prinzipien zu respektieren. Dieses Gleichgewicht ist nicht immer einfach zu wahren. Der Westen muss Wachsamkeit, Solidarität und Weitsicht beweisen, um die wirklichen Gründe für den Terrorismus aus der Welt zu schaffen".

"Le Figaro" (Paris):

"Dieser lang andauernde Krieg gegen die Terrororganisation Al-Kaida ist in eine neue Phase getreten. Es geht immer noch um den Irak. Die Besetzung dieses Landes, ohne Aussicht auf einen Rückzug, ist noch mehr als die Frage Palästina zum Hauptargument der Terroristen geworden, die dort ein neues Übungsfeld für ihren Heiligen Krieg gefunden haben. (...) Man muss eine wirkliche politische Lösung in Bagdad erreichen. Sonst wird der Terror nie besiegt."

"Libération" (Paris):

"Die Angst existiert, aber sie hat in keiner Weise die Lebensart der Menschen in der westlichen Welt geändert. Der Terrorismus, dessen Ziel es ist, die Demokratien zu ruinieren, verfehlt also seine Wirkung. Diese Niederlage ist beruhigend. Die wirkliche Folge der Anschläge von London ist ein verstärkter Zusammenhalt der westlichen Welt. Dies gilt besonders für die Europäische Union. Erst Madrid, jetzt London. Der Alte Kontinent hat sehr gut verstanden, dass er das Ziel terroristischer Bedrohung ist, weil er Wiege dieser Demokratie ist, die die Feinde der Freiheit vernichten wollen."

"La Repubblica" (Rom):

"Die britischen Geheimdienste haben die Anschlagsserie - die angeblich von Dutzenden Männern ausgeführt wurde - nicht vorhergesehen und nicht einmal vage im Voraus gespürt. Und das ist keine Hypothese. Trotz des G8-Gipfels in Gleneagles ist der Alarmzustand in London vor einem Monat von Stufe Drei auf Stufe Vier verringert worden. Eine verheerende Nachlässigkeit der britischen Geheimdienste. Vielleicht sogar schlimmer als die Kette von Fehlern, die von der CIA und dem FBI vor dem 11. September 2001 beklagt wurden und nicht weniger schlimm als die spanischen Patzer nach dem 11. März; denn die britischen Geheimdienste und Scotland Yard wussten, dass sie die Augen offen halten müssen. Offensichtlich haben sie ihre Sensoren am falschen Ort installiert."

"Het Laatste Nieuws" (Brüssel):

"Die (britische) Regierung fürchtet, dass die Bombenleger unter den tausenden jungen, radikalen Islamisten in London selbst rekrutiert worden sind. Muslime, die perfekt Englisch sprechen und integriert sind oder zumindest so erscheinen, die sich aber diskriminiert fühlen, keinen ordentlichen Job finden, überall der Tür verwiesen werden. Der gesellschaftliche Unfriede der jungen, dritten Einwanderergeneration macht diese sehr anfällig für Propaganda (...) Es gibt Gründe genug, um diese Entwicklung zu stoppen, auch bei uns. Wir können nicht dulden, dass tausende junge Einwanderer keine Aussichten haben auf eine Zukunft in unserer Gesellschaft, und wir können ebenso wenig dulden, dass radikale Imame hierher geschickt werden, um die Anfälligsten aus ihren Kreisen zu Terror und Gewalt anzustacheln. Unsere Gesellschaft hat einen doppelten Auftrag: Anderen eine Chance zu geben, um sich selbst zu schützen." (APA/AFP/dpa)

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