Eigentlich ein Ungeheuer

27. Juli 2005, 11:54
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Goliarda Sapienzas Roman über eine sizilianische Rebellin - Von Ingeborg Sperl

Die Frau, Goliarda Sapienza, ein Skandal, ihr Roman ebenfalls. So sehr, dass das Buch, das 1976 vollendet war, erst 1998 verlegt wurde. Um den Roman "In den Himmel stürzen" (L'arte della gioia) fertig schreiben zu können, soll die 1996 verstorbene, italienische Autorin ihre persönliche Habe versetzt und sogar gestohlen haben. Sapienzas unangepasstes Leben scheint selbst ein Roman zu sein und zweifellos hat sie ihrer Heldin Modesta einige ihrer Eigenschaften verliehen: intelligent und entschlossen und gegen die Rollenzuschreibungen rebellierend.

Modesta, 1900 in einer Hütte in Sizilien geboren, ist eigentlich zum Opfer prädestiniert, aber sie geht aus allen körperlichen und seelischen Misshandlungen immer aufständischer und listiger hervor. Als das Kind vergewaltigt wird, steckt es die Hütte in Brand. Die Mutter und die mongoloide Schwester kommen um. Das lernbegierige und anpassungsfähige Waisenkind findet sich im Kloster wieder. Es wird von der adeligen Oberin Leonora, - eine Astronomin wie Lampedusa - unter die Fittiche genommen. Modesta schafft es, diesen allzu engen Mauern zu entkommen und sich in der Welt zurechtzufinden. Sie macht sich in Leonoras Familie unentbehrlich, steigt zur Fürstin auf, indem sie den geistig behinderten Erben heiratet, und bringt das Kind eines Liebhabers als legitimen Nachkommen des Hauses Brandiforti zur Welt.

Sapienzas sizilianischer Roman ist nicht nur von den eindringlichen Bildern und der Emotion her eine Art Fortsetzung und ein Vexierspiegel von Lampedusas Der Leopard. Sowohl der Fürst von Salina als auch die usurpatorische Fürstin Modesta Brandiforti erleben den Untergang einer Epoche und wissen, dass sich ihre Lebensweise dem Ende nähert. Modesta ist aber klug genug, ihre Ländereien mit dem riesigen Haus voller verschlossener Zimmer und Totengedenkstätten zu verkaufen.

Im Leopard sind es das Risorgimento und Garibaldi, die den Umsturz ankündigen, Modesta hingegen muss sich mit den politisch motivierten Bluttaten zwischen Anhängern der Linken und Mussolinis auseinander setzen. Aber das ist die offizielle Geschichte, die von den Männern bestimmt wird. Sapienza breitet hinter den historischen Eckpunkten noch eine andere geheime Geschichte aus. Das ist die subtile Geschichte der Frauen, die wie Modesta die Gebote des Patriarchats bewusst unterlaufen. Sie tut und lernt Dinge, die in der archaischen Inselgesellschaft für Frauen nicht vorgesehen sind.

In raschem Wechsel, einer Spaltung zwischen der Innenansicht der Icherzählerin und einem von außen beobachtenden Chronisten, entfaltet Sapienza ein intimes, mitreißendes Porträt einer Frau, die eigentlich ein Ungeheuer ist. Doch Modesta ("die Bescheidene") hat überlebt und das ist ziemlich viel. (DER STANDARD, Print, 9./10.7.2005)

Goliarda Sapienza
In den Himmel stürzen.
Deutsch: Constanze Neumann.
€ 22, 90/442 Seiten. Aufbau, Berlin 2005.
ISBN: 3351030223
  • Artikelbild
    foto: aufbau
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