Eine zornige Frau unter Einfluss

8. Juli 2005, 21:45
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Solo für Joan Allen: "An deiner Schulter" - im Original weit treffender: "The Upside of Anger"

Wien - Mit Wut im Bauch gehen die Dinge nicht vorwärts. Der Groll trübt den Blick auf die Tatsachen und legt sich wie ein Nebel über die Mitmenschen, bis die betroffene Person für alles andere blind wird. In Mike Binders Film An deiner Schulter - im Original weit treffender: The Upside of Anger - stellt ein solcher Gemütszustand die Basis eines Familiendramas her. Der soziale Haushalt einer Frau und ihrer vier Töchter gerät durch einen Affekt in Turbulenzen.

Die Wut hat einen konkreten Grund: Terry Wolfmeyer (Joan Allen) wurde von ihrem Mann verlassen. Die näheren Umstände seines Verschwindens lässt der Film offen. Dass er sich mit seiner Sekretärin nach Schweden abgesetzt hat, ist eine mögliche Erklärung, zumindest argwöhnt das die Ehefrau. Während ihre Töchter viel zu sehr mit ihr eigenem zukünftigem Dasein beschäftigt sind, um das Ereignis entsprechend zu reflektieren, gerät sie, hin- und hergerissenen zwischen Selbstmitleid und Verachtung für die anderen, immer mehr aus dem Gleichgewicht.

Binder, der bisher vor allem als Schauspieler und Stand-up-Comedian in Erscheinung getreten ist, geht es allerdings von Anfang an nur wenig um die Entfaltung eines bürgerlichen Dramas. Er setzt das Geschehen zwar ähnlich wie Ang Lees The Ice Storm oder Todd Fields In the Bedroom in den vorstädtlichen Vorgärten der gehobenen Mittelklasse an, bewahrt sich dabei jedoch einen komisch milden Blick auf die Zurichtungen der Familie Wolfmeyer. Eher prosaisch denn mit forcierter Dringlichkeit wird hier das angespannte Verhältnis der Mutter zu ihren Töchtern ausgelotet, auf Konflikte folgt noch immer ein Moment der Erleichterung oder Versöhnung.

The Upside of Anger hat denn auch gar nicht zum Ziel, die Defekte einer Familienordnung aufzuschlüsseln. Vielmehr setzt er, im Ansatz klassischer, auf die Erforschung eines Charakters und schafft darüber ein eindringliches Frauenporträt. Joan Allen, der bisher noch nicht der Ruhm zufiel, den sie verdient, liefert dabei als Terry eine Performance, die an Leistungen wie jene von Gena Rowlands in John Cassavetes' A Woman Under the Influence denken lässt: Fast in jeder Szene ein Wodkaglas in der Hand, vermag sie mit ihrem Blick Blitze zu schleudern, um dann im nächsten Moment wieder in einen Zustand der Katatonie zu verfallen.

Kumpel von nebenan

In ihrer Not - in der sie nie zum simplen Opfer reduziert wird - findet Terry einen Freund: Kevin Costner, der in seinen eigenen Arbeiten zu sehr mythomanischen Überhöhungen neigt, spielt den gealterten, nicht minder alkoholseligen Baseballstar Denny Davies, den ein wenig einfältigen, aber vertrauenswürdigen Kumpel, an dem der Zorn der Nachbarin abprallt. Wie sich die beiden gegenseitig aufrichten, um doch wieder umzufallen, oder vor dem ersten gemeinsamen Sex ein Versteckspiel aufführen, zeigt indirekt auch auf, wie selten nuancierte Darstellungen von reiferen Menschen im Hollywoodkino geworden sind.

Die Erzählkonstruktion mag mit diesen szenischen Höhepunkten des Films nicht ganz mithalten - Binder verzettelt sich zuweilen in Randepisoden und untergräbt mit einer unnötig aufgesetzten Schlusspointe das Vertrauen des Zuschauers. Dafür hat er sich die mit Abstand jenseitigste Rolle für sich selbst aufgehoben: Als Radiomoderator, der seine schwindende Autorität dazu nützt, junge Frauen zu erobern, bekommt er Terrys Zorn so auch auf sehr physische Weise zu spüren. (DER STANDARD, Printausgabe, 08./09.07.2005)

Von Dominik Kamalzadeh

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