Pegasus im Tiefflug

9. Juli 2005, 18:00
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Hans-Ulrich Treichels neuer Roman "Menschenflug" dreht sich wieder um den verlorenen Bruder

In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen erklärte Hans-Ulrich Treichel, der Schriftsteller entwerfe Bilder der Vergangenheiten und damit sich selbst. Das Familientrauma, dass zu Kriegsende auf der Flucht der ältere Bruder verschwunden war, hat Treichel in Der Verlorene 1998 gestaltet; mit Menschenflug kommt er nun darauf zurück.

Dabei bemüht er von Beginn an ein Motivhämmerchen des Expliziten, das auf die literarischen Ausformungen pocht. Stephan, ein zweiundfünfzigjähriger Akademischer Rat, sitzt in Berlin zum ersten Mal über dem handgeschriebenen Lebenslauf seines Vaters, als ein heftiges Gewitter niedergeht. Durch das kaum geöffnete Kippfenster sprüht Regenwasser, und schon sind die genealogisch-biografischen Tintenspuren, "besonders die ersten Zeilen", auf immer verwischt (wie im Film rauscht eben der Regen leicht in die Klischeetraufe).

Was dem Romandonner folgt, erfährt nur in manchen Passagen eine subtilere Gestaltung. Dieser Stephan fühlt sich in einer Lebenskrise. Wie der Vater werde er mit vierundfünfzig einem Herzanfall erliegen, bildet er sich ein und nimmt eine "Auszeit".

Zwar arbeitet er weiterhin an der Freien Universität, wo er sich ohnehin seit Jahren auf "schweigen und verwalten" beschränkt, zieht jedoch zu Hause aus und will reisen. Seine Frau Helen, eine ungemein verständnisvolle Psychoanalytikerin, und ihre beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe bleiben etwas blass am Rande der Aufmerksamkeit dieses scheinbar beschaulichen Charakters.

Bei dem Versuch, in sich zu gehen, gerät Stephan wieder an die wolhynische Herkunft, an seine zwei so unterschiedlichen Schwestern, vor allem an die Geschichte des Bruders: Er war 1945 in Polen auf dem Treckwagen zurückgeblieben, während die Eltern von Russen misshandelt worden und dann in den Wald entkommen waren - erst in den Fünfzigerjahren wandten sie sich an den Suchdienst.

Der nachgeborene Stephan musste sich als Ersatzkind fühlen; und nun, als ihn die Vergangenheit wieder aufsucht, damit er sie aufsuche, will er jenen Findel, den die Mutter als ihren Sohn zu erkennen gemeint hatte, zunächst nicht sehen. Schließlich habe er ja schon darüber publiziert: "Sein Bruder war das Trauma seiner Eltern und ein Phantasma seiner Kindheit.

Sein Bruder gehörte ins Buch, nicht ins Leben." Deutlich und breit verweist Treichel auf der Verlorenen-Geschichte ersten Teil, nicht ohne eher in peinlichem Selbstlob als in distanzierter Ironie deren Erfolg zu betonen, sei doch das Werk "Prüfungsstoff" der Goethe-Institute und "in mehrere Sprachen übersetzt".

Da sich der müde Akademische Rat in seiner "Auszeit" Bewegung verschrieben hat, trabt er regelmäßig zum Lilienthaldenkmal, dessen Inschrift "Dem Vater des Menschenfluges" das Titelmotiv in Gang setzt, eine Mischung aus diffusem Heimweh und sporadischer Todesahnung. Auf einer Ägypten-Reise schlägt er im zweiten Teil des Romans einen weiteren Bogen um den Familien-Erinnerungs-Komplex.

Viel mehr als eine der üblichen Kulissen mit obligaten Freud-Verweisen schafft Treichel hier nicht, selbst der Zufall wirkt bemüht. Im schwierigen Moment, auf dem Weg zum Tal der Könige, allein in der Wüste, kommt Stephan, dem das Herz wehtut - "Er hätte gern den Menschenflug gemacht" -, eine Dea ex Machina zu Hilfe. In Berlin erwarteten ihn gute Nachrichten", beginnt der dritte Teil. Stephan erhält, so anachronistisch es klingt, "Kriegsgefangenenpost" vom Suchdienst, der die gesamte Akte übermittelt.

Die Herkunftsbilder, die Spuren bleiben verwischt wie des Vaters Lebenslauf, immerhin ist die Recherche nach der verlorenen Zeit dokumentiert. Schließlich steht Stephan dem vermeintlichen Bruder, einem Alten auf Krücken, gegenüber, begibt sich zu einem Heimattag der Wolhyniendeutschen und sagt sich auf der Rückfahrt: "Keine Vergangenheit!" Zukunft hat er da allerdings auch keine, denn in einem Herzschlagfinale, dem Treichel einen entsprechenden Rhythmus gibt, erleidet Stephan einen Infarkt, ausgerechnet beim Landeplatz der Rettungshubschrauber unweit des Lilienthaldenkmals.

Treichel erzählt aus einer Er-Perspektive, die ganz nahe an der Hauptfigur dranbleibt. Somit sind die Ungeschicklichkeiten dem Erzähler anzulasten, all diese unnötigen "so etwas wie", "sozusagen", "natürlich". Sie machen den Ausdruck schwerfällig, ohne die Bedeutung anzureichern. "In gewisser Weise", heißt es, "duzte er sich ja nicht einmal selbst" - in welcher Weise? Sogar die wohl ironisch gemeinten Passagen wie jene über DaF (Deutsch als Fremdsprache) und OöDaF (Ostösterreichisches DaF) wirken steif: "Immer weniger Menschen wollten so- zusagen immer weniger Deutsch lernen." Sozusagen.

Die "Leere", erklärt Treichel in den Poetikvorlesungen, sei ohne Zweifel seine "prägendste Kindheitserfahrung"; im Schreiben gehe es um Lebenserfahrungen und Wahrnehmungsweisen, die "irgendwann in den Vorsatz münden, sich dem eigenen Selbst sowie der Welt vorzugsweise schreibend zu nähern". Dies bedarf einer jeweils angemessenen Erzähldistanz - Treichel hat sie in seinem Roman vom motivisch auftrumpfenden Beginn an nicht finden können und sich mit dem Ausgang der Geschichte auktorial fixiert. Einem Ich hätte ich diesen Duktus abgenommen.

Gewiss, Hans-Ulrich Treichel versteht es, einen Roman zu konstruieren, eine Welt aus Sprache zu schaffen. Hier jedoch macht er Sinnbilder zu poetischen Aufklebern. In diesem Menschenflug erscheint Pegasus so beladen, dass er keine besondere literarische Höhe erreicht. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Klaus Zeyringer
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    Hans-Ulrich Treichel:
    "Menschenflug"
    € 18,30/ 234 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.

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