Erinnern, um zu vergessen

9. Juli 2005, 16:00
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2005 ist für Österreich ein Jahr des Gedenkens und der Erinnerung. Doch viele Veranstaltungen des Gedenkjahrs betonen den Event - und vergessen den Sinnzusammenhang

Es war einmal, und das war's auch schon. Die paradoxe Moral des heurigen Gedankenjahres (60 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Beitritt) ist anscheinend, seine offiziös inszenierten Erinnerungsbilder möglichst schnell zu vergessen. Nun ziehen alle großen Metaphern kollektiven Gedächtnisses Gegenbilder des Gedächtnisverlusts an wie das Denkmal seinen Sturz oder die Bibliothek ihren Brand. Dabei trennt allerdings ein Akt der Gewalt oder zumindest der Schatten eines Verlusts Erinnerung und Vergessen.

Viele Erinnerungsbilder des Gedankenjahrs schließen jedoch das Vergessen in sich ein, als wären sie wie dafür geschaffen. Die Erinnerung an sie verliert sich entsprechend schmerzlos und beinahe natürlich. Drei Versuche, diese Eigenart zu verstehen:

Der Balkon

Der Philosoph Gaston Bachelard zeigte, wie sehr in der Literatur das Bild des Hauses zu einem Bild der menschlichen Psyche gerät: der Keller als Ort des Verdrängten, Triebhaften, der Dachboden als Ort der Ideale. Was also könnte der Balkon bezeichnen? - Vielleicht einen Ort des Heraustretens aus sich, aber nicht, um sich von seinem seelischen Selbst zu verabschieden - wie bei der Flucht durch die Türe -, sondern um in der Distanz zum Zeichen zu werden für das Ganze des Gebäudes.

Für die Wirkungsmächtigkeit des Balkons des Belvedere als Erinnerungsbild der Zweiten Republik wäre demnach zweierlei wichtig: Erstens, dass der Satz "Österreich ist frei" unter "freien" Himmel verlegt wurde. Und zweitens, dass durch das Heraustreten auf den Balkon ein repräsentatives Gebäude nicht wirklich verlassen, sondern als Zeichen für das Eigene in Beschlag genommen wurde. In Schlechte Wörter zweifelte Ilse Aichinger entsprechend grundlegend an heimischen Balkonen: "Die Balkone in den Heimatländern sind anders. Sie sind besser befestigt, man tritt rascher hinaus. Aber man sollte sich vorsehen, weil die Balkone in den Heimatländern anders sind."

Umgekehrt: Wie sehr hätte man dem todkranken polnischen Papst zu Ostern einen Balkon in der Fassade des Vatikans gewünscht, die auf den Fernsehbildern so endlos und übermächtig erschien. Er hätte nur winken müssen, die Macht des Gebäudes dahinter hätte ihm so etwas wie Stimme verliehen. So aber wurde er hinter einem Fenster des Vatikans bewegt wie die tragische Figur in einer Guckkastenbühne: Er verkörperte nicht die Bedeutung des Gebäudes, sondern das Gebäude schien ihn völlig zu vereinnahmen. Sein Heraustreten schien nicht nur physisch, sondern auch symbolisch unmöglich.

Gegen solche Bilder des Gefangenseins setzten die Macher der "25 Peaces" ein irreales, dafür aber umso sinnfälligeres (Erinnerungs-) Stück radikaler Befreiung: den Belvedere-Balkon ohne das Gebäude, den wahrhaft befreiten Balkon-Ort, der einem symbolisch gar keine andere Wahl ließ, als sich selbst frei zu fühlen.

Die jüngeren Österreicher wurden damit dort "abgeholt", "wo sie sind - mitten im Spieltrieb": Eine schwere Maschine, auch sie vorübergehend von jeglicher Aufbau-Arbeit befreit, brachte das Balkon-Imitat in die Landeshauptstädte. Die Bürger durften es erklimmen und "Österreich ist frei!" ausrufen, hinter sich die Kulisse der touristischen Sehenswürdigkeiten und der Einkaufsstraßenwerbung, neben sich die Pappkameraden der Geschichte. Das ergab eine etwas gestellte, aber stimmungsvolle Tautologie, ein selbstgewisses "Wir sind wir!". Und man fühlte sich plötzlich wie aus einem von unruhigen Träumen gestörten Halbschlaf erwacht: Vielleicht war man hier in so etwas wie eine Werbung geraten?

Was bei dieser Art des "Gedenkens" als eigentlich Beworbenes sichtbar wurde, war immer wieder die Gegenwart. Und nicht nur beim Belvedere-Balkon stimmte diese dann oft mit einer "tiefen", "unproblematischen" Vergangenheit überein.

Verpackung

Roland Barthes, ein anderer Kulturphilosoph, hat sich schon vor ungefähr 40 Jahren über die Vorstellung einer "nackten Wahrheit" lustig gemacht, die immer aus einer letzten Verpackung geschält werden müsse, um sich im Zentrum zu offenbaren. Vorstellungen von nationaler oder persönlicher Identität folgen oft diesem Muster: Das Verdrängte und kaum noch Erinnerte ist zugleich das Eigentliche, es verbirgt sich ganz innen. Archäologische Erinnerungsarbeit muss es an die Oberfläche heben und bergen. Dann enthüllt diese Arbeit ihre Denkmäler, als symbolischen Akt.

Die Veranstaltungen des Gedankenjahrs besetzen, je offizieller, desto mehr, das Stadtzentrum und damit Zentren inszenierter Erinnerung: den Heldenplatz, das Belvedere. Und sie stellen nicht zufällig Bilder von Verpackung und Enthüllung zur Schau: die Lichtinstallationen, die sich am 12. März auf Häuserfassaden legten; der für September geplante Vorbau mit einer Nachbildung der historischen Fassade auf dem Haus der Besatzungsmächte, heute Haus der Industrie; die Neumarkierung von Zonengrenzen; das abgesagte MacCare-Projekt; Fleckerlteppiche von Gemüsebeeten und natürlich die "eingemauerten" Reiterdenkmäler auf dem Heldenplatz.

Erinnerung wird in diesen und anderen offiziösen Projekten gerade nicht als mühselig zu hebender, innerer Kern präsentiert, sondern als äußere Haut. Für solche "Denkmäler" ist damit auch die Initiationsfeier ihrer "Enthüllung" unmöglich oder zumindest schwierig geworden. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich nicht darin, dass sie postmodern die Bedeutung der Verpackung zelebrieren, sondern darin, dass sie sich selbst als vorübergehende, verzichtbare Hülle verstehen. Wer Geschichte so darstellt, hat kein Problem, sie zeitgerecht auch wieder abzulegen. Der Zauber der Lichtinstallation legte sich und, was Wunder, unter ihr erschien die unversehrte Fassade der Innenstadt, die wahre, in die Gegenwart herübergerettete Vergangenheit.

Das Gedankengedenken umhüllte die alten Reiterstandbilder von Prinz Eugen und Erzherzog Carl und wiederholte damit nicht nur die Einmauerung während der Nazi-Zeit, sondern die Geschichte als Farce: Die Erinnerung war schon in der Materialität als billiges Provisorium so kenntlich, dass sich Ketzer in sie einschrieben: "Das sind ja gar keine echten Ziegel!"

Nach gar nicht so langer Zeit dann, man wusste es im Voraus, gaben diese Hüllen wieder die "eigentlichen" Symbole nationaler Identität frei, eben die historischen Reiterstandbilder. Selbst die sind aber gar nicht so massiv, wie sie scheinen: Um die 10,5 Tonnen des Monuments von Erzherzog Carl auf den Hinterbeinen des Pferdes auszubalancieren, wurde der gesamte vordere Teil des Standbilds hohl gegossen. Lediglich der Pferdeschwanz, und auch der nur zur Hälfte, ist massive Bronze.

Mahlzeit!

Was aber, wenn die Erinnerungsarbeit des Gedankenjahres nicht an den eigenen Bildern gemessen wird, sondern an fremden? 1922 zeichnete Robert Musil das Erinnerungsbild eines "hilflosen Europa": Es habe sich den geistigen Magen verdorben und stoße unverdaute Brocken auf.

Dem österreichischen Erinnerungsmagen geht es derzeit ähnlich. Verkauft wird das als Erlebnis. Damit es erträglicher wird, betäuben die Köche das aufstoßende Bewusstsein: Anästhesie mittels Ästhetik. Außerdem, so versichern sie, liege genau in diesem Zustand die Zukunftsfähigkeit Österreichs in Europa. Die Köche plagt kein schlechtes Gewissen: Sie haben ausgewogen, mit besten Zutaten und nicht ohne Ballaststoffe gekocht.

Zum Beispiel der Prachtband Österreich 2005. Das Lesebuch zum Jubiläumsjahr mit Programmübersicht (Herausgegeben von Bundeskanzleramt/ Bundespressedienst. Redaktion: Theresa Indjein, Andrea Sutter, € 15,50) aus dem Residenz-Verlag: Er tischt unter anderem Texte von Heinz Fischer, Wolfgang Schüssel, Hubert Gorbach, Elisabeth Gehrer und Benita Ferrero-Waldner auf, dazu solche von Trautl Brandstaller, Peter Weibel, Monika Langthaler, Barbara Frischmuth und Antonio Fian. Letztere drei finden sich dann unter dem Titel "Harmonie und Ironie" quasi als Beilage zusammengefasst. Gewürzt wird mit Texten von Karl-Markus Gauß, Ingeborg Bachmann und dem rumänisch-französischen Philosophen E. M. Cioran: Der war am Neusiedler See, und das "fast glücklich"!

Um zu verstehen, wie diese Küche den Erinnerungsmagen verdirbt, lohnt sich die Beschäftigung mit ihren Details, sagen wir einer der Saucen: etwa Franz Moraks Beitrag "Aufbrüche mit der Kunst". "Michael Scharang hat vor Jahrzehnten den Nachweis zu führen versucht, dass 1945 der erste österreichische Staat geschaffen wurde, mit dem sich auch Künstler identifizieren konnten. Doch er drängte heftig darauf, ,Kunst' und ,Kultur' genauer voneinander zu unterscheiden. Und ,Leben', was heißt das nicht alles! Je technisch avancierter, je internationaler das Medienangebot - der content - desto ohnmächtiger jeder Purist, der die Kunst noch bergen will vor jenen Verwertungsstrategien, die den Produzenten an die Kandare nehmen. Aber selbst aus abenteuerlichsten Bereicherungskalkülen sind schon wunderbare Kinokunstwerke aufgestiegen ins kollektive Kulturgedächtnis."

Die größte Einheit des Sinns, so folgert einer, der hier (puristisch?) den Zusammenhang sucht (- und nicht etwa zynisch die Wiederkehr des Verdrängten! -), ist nicht der Text als Ganzes, sondern der Satz. Vielleicht kürzer noch, das mit Erinnerung beladene Wort. Solche Erinnerungswörter umgeben sich mit einer Bedeutungsaura wie mit Rufezeichen: "Kunst!", "Kultur!", "Leben!", "Medien!" also in diesem Absatz. Im Großen des Österreich 2005-Bandes: "Politik!", "Intellekt!", "Natur!" "Poesie!" "Witz!" Gerade die Materialfülle des Bandes insgesamt gestaltet analog keine Fülle der Erinnerung, sondern die aufstoßende Wucht und den Nachgeschmack eines letzten Erinnerungsworts des Ganzen: "Österreich!!!"

Herausgeber und Redaktion meinen diese Wirkung, wenn sie betonen, dass der Band Erinnerung weniger als intellektuellen Zusammenhang vermitteln wolle denn als "Erlebnis". Fast wörtlich sagten das auch die Veranstalter der "25 Peaces". Das ist verräterisch, denn Erinnerung geht zwar von einem Erlebnis aus, bindet dieses Erlebnis dann jedoch in einen Sinnzusammenhang ein, in eine Erzählung. Wer Erinnerung auf das Erlebnis reduziert, hält Vergangenheit tendenziell immer schon für abgetan und überwunden. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Ein Essay von Christoph Leitgeb

Christoph Leitgeb, geboren 1962 in Innsbruck ist Literatur­wissenschafter, Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und regelmäßiger Mitarbeiter des STANDARD. Er lebt in Linz.

Publikationen: Literaturwissenschaft: intermedial - interdisziplinär (mit Herbert Foltinek, Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2002), Grillparzer und Musil. Studien zu einer Sprachstilgeschichte österreichischer Literatur (gemeinsam mit Richard Reichensperger, Carl Winter Verlag, 1999).

Das Projekt "25 Peaces" läuft noch bis Ende des Jahres. Bis zum 25. Oktober werden beispielsweise die von 1945 bis 1955 bestehenden Zonengrenzen entlang der heutigen Hauptverkehrsachsen markiert. Auf dem Heldenplatz sind nach wie vor die Gemüsegärten zu sehen.
  • "Durch Österreich" (€ 36,50, Otto 
Müller) heißt der postum erschienene 
Fotoband von Inge Morath (1923-2002). Er versammelt Fotografien 
der letzten 50 Jahre und deckt damit die ganze Schaffens- 
periode dieser großen Fotografin ab. Morath verbrachte den größten Teil ihres Lebens in den USA und es ist nicht zuletzt dieser Umstand, dem die Bilder ihre große Intensität verdanken. Karl-Markus Gauß steuerte einen 
luziden Essay bei. 
Ein Tipp.
    foto: buch

    "Durch Österreich" (€ 36,50, Otto Müller) heißt der postum erschienene Fotoband von Inge Morath (1923-2002). Er versammelt Fotografien der letzten 50 Jahre und deckt damit die ganze Schaffens- periode dieser großen Fotografin ab. Morath verbrachte den größten Teil ihres Lebens in den USA und es ist nicht zuletzt dieser Umstand, dem die Bilder ihre große Intensität verdanken. Karl-Markus Gauß steuerte einen luziden Essay bei. Ein Tipp.

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