Raus aus der Tabuzone

29. Juli 2005, 20:34
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Unternehmensberaterin und Buchautorin Anne Koark im STANDARD-Gespräch über eine neue Kultur des Scheiterns

DER STANDARD: Warum machten Sie Konkurs?

Anne Koark: Nach 9/11 waren der Rückgang ausländischer Investitionen und der Abschluss eines Mietvertrags problematisch. Ich hatte hohe Fixkosten, aber keine Untermieter mehr. Den Rest gaben uns drei Kundenpleiten.

DER STANDARD: Was würden Sie heute anders machen?

Koark: Ich würde früher mit meinen Kunden über Schwierigkeiten reden. Ich würde Fixkosten beweglicher halten und sie nie ein Viertel des Umsatzes übersteigen lassen.

DER STANDARD: Wenn Manager Fehler machen, werden sie - im Gegensatz zu Unternehmern - meist belohnt.

Koark: Fehler gehören dazu, ob sie monetär belohnt werden sollten, ist fraglich. Aus unternehmerischer Sicht ist es wichtig, Fehler zu machen, weil man daraus lernt. Viele, die Erfolg haben, haben abgeklopft, wie es nicht geht. Ich finde es gut, Manager zu holen, die Fehler gemacht haben, weil sie Erfahrung haben. Das macht man aber nicht bei gefallenen Einzelunternehmern. Da sollte es gleiche Chancen geben.

DER STANDARD: Kann man insolvente Unternehmer abfedern?

Koark: Für Private gibt es Schuldnerberatungen. Unternehmen müssten durch Insolvenzen begleitet werden. Wer ein Unternehmen verliert, sieht nicht, was er noch hat, nämlich sich selbst. Es ist wichtig zu reden. Wenn es eine Kultur des Scheiterns gäbe, wäre es legitim, um Hilfe zu schreien. Wichtig wäre eine Unterstützung der zweiten Chance, denn volkswirtschaftlich gehen viele Kräfte verloren.

DER STANDARD: Sind im deutschsprachigen Raum Insolvenzen ein besonderes Tabu?

Koark: Im angelsächsischen Raum heißt unternehmerisches Risiko: Ich kann gewinnen oder verlieren. In der deutschsprachigen Welt hat man die Tugenden des Wiederaufbaus vergessen. Die Innovationskraft eines Landes hängt davon ab, wie es mit Misserfolg umgeht. In anderen Ländern dürfen die Leuten nach zwei, drei Jahren wieder loslegen. Da bedeutet einen Nachteil für Deutschland. Denn wenn die Leute wieder schneller auf die Füße kommen, bekommen auch die Gläubiger schneller ihr Geld.

DER STANDARD: Leute, die zu Ihren Vorträgen kommen oder Ihr Buch kaufen, unterstützen Ihre Gläubiger?

Koark: Ja, ich will, dass meine Gläubiger ihr Geld bekommen. Wenn man Insolvenz aus der Tabuzone rausheben würde, könnte das mit für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen. Wenn wir in Austausch mit Existenzgründern kämen, könnten wir Wissen weitergeben und Firmen hätten bessere Chancen. (mia, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.7.2005)

Zur Person

Anne Koark (geb. 1963) gründete 1999 in München die Unternehmensberatung TiB, 2003 folgte die Insolvenz. Im Buch "Insolvent und trotzdem erfolgreich" beschreibt sie ihre Erfahrungen und gründet den Beratungsverein "Bleib im Geschäft".

Infos: www.anne-koark.com

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