Aufrufe an Muslime, zu Hause zu bleiben

9. Juli 2005, 22:54
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"Wir fürchten Angriffe auf Menschen und Moscheen"

"Wir sind hundert Prozent gegen diese Anschläge. Hundert Prozent", sagt Abdullah Radan und ballt die Faust. Der 19-Jährige und seine zwei etwa gleichaltrigen Freunde, lungern auf der Grünfläche vor dem Pattison House herum, an der Ecke Wellesley Street und Stepney Road. Sie sind wie die meisten, die in dieser Gegend in East London leben, Muslime. "Wir bekommen das schon zu spüren", meint Radan und drängt zum Aufbruch. "Wir müssen los", ruft er noch über die Schulter. "Dringende Geschäfte", wedelt er mit dem Mobiltelefon.

Gar nichts sagen wollen dagegen die vorbeieilenden Frauen. Sie schütteln nur den Kopf. Die meisten von ihnen haben ihr Haar mit einem Tuch bedeckt, einige von ihnen tragen eine Burka.

In einem der Häuser habe auch Hassan Olad Akcha gelebt, dessen zwei Brüder für die Anschläge in Madrid vergangenes Jahr verantwortlich gemacht werden, erzählt Kissim, der Besitzer eines Zeitungsgeschäfts. Seinen Nachnamen will Kissim nicht nennen: "Ich bin Hindu und muss von meinem Geschäft leben." Warum die Straßen hier so leer sind, erklärt der Mittdreißiger damit, dass sich "die Leute auch nach den Anschlägen in New York und Madrid nicht auf die Straße trauten".

Nahe am Tatort

Nur wenige Gehminuten entfernt ist die East-London-Moschee. Deren Turm mit dem Halbmond an der Spitze ist auch von der nahe gelegenen Aldgate Tube Station sichtbar, wo eine der Bomben explodiert war. Dilowar Khan, der sich als Direktor der Moschee vorstellt, spricht seine Befürchtungen offen aus: "Wir sind sehr besorgt. Wir wollen nicht, dass sich die Menschen fürchten, aber wir befürchten, dass Moscheen und Muslime angegriffen werden." Welche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, will er nicht sagen: "I'm sorry."

Die britische Muslim Association hat die britische Polizei um besonderen Schutz für Moscheen und islamische Schulen ersucht. Die Islamische Menschenrechtskommission IHRC forderte Muslime dazu auf, zu Hause zu bleiben. Sie erinnerte daran, dass in den vier Monaten nach den Anschlägen in den USA mehr als 400 Angriffe auf britische Muslime registriert wurden - mehr als viermal so viel wie normalerweise in einem Jahr. Der Rat der Muslime in Großbritannien gab bekannt, dass seit den Explosionen in Londons City 30.000 E-Mails eingegangen sind, die meisten hasserfüllt. Ein Sprecher der Vereinigung zitiert aus einem E-Mail einen Satz: "Es herrscht nun Krieg gegen Muslime überall in Großbritannien." Polizeichef Ian Blair versichert jedoch, dass landesweit bis Freitagmittag nur zwei Vorfälle gemeldet wurden. Ein etwa fünfzigjähriger bärtiger Mann, der in Richtung Eingang der East-London- Moschee eilt, "will nichts sagen". Dann bleibt er doch stehen. "Ich bin froh über das, was Tony Blair gestern gesagt hat: Dass die überwältigende Mehrheit der Muslime diese Terrorakte verurteilt. Wir sind doch auch Briten." Zum letzten Satz nickt er mit Nachdruck und eilt in die Moschee. (DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Alexandra Föderl-Schmid aus London
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