Josef von Sternberg "Marokko"

8. Juli 2005, 21:58
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Mit der verführerischen Bildkraft eines Stummfilms setzt Sternberg seine Ars combinatoria in Szene

Zur Orientierung - der Plot: Die Nachtclubsängerin Amy Jolly (Marlene Dietrich) wird in einer marokkanischen Garnisonsstadt von dem amerikanischen Fremdenlegionär Brown begehrt und von dem europäischen Gentleman Kensington mit viel Geld umworben.

Der von vielen Frauen umschwärmte Naturbursche Brown (Gary Cooper) verzichtet auf Amy; sie heiratet Kensington (Adolphe Menjou). Der Legionär rückt aus und wird verwundet. Amy verlässt daraufhin das prunkvolle Ambiente ihres neuen Zuhauses und pflegt den Verwundeten. Als die Legion zu einem Marsch in die Wüste aufbricht, schließt sich Amy den einheimischen Kurtisanen an und folgt ihnen, hinter der Truppe herziehend, in die Wüste.

"Ich lasse den Wind des Lebens durch jede Szene wehen", hat Josef von Sternberg einmal gesagt. Und in Marokko ist es ein Sturm, der am Ende die vor Liebesverlangen fast zerbrechende Amy mit sich fortreißt, bis die gleißende Wüste ihr Bild auslöscht. Eine Metapher, ohne Zweifel. Mit der verführerischen Bildkraft eines Stummfilms setzt Sternberg seine Ars combinatoria in Szene.

Er erfindet Marlene neu; das Problem sei gewesen, schreibt er, "die kleine deutsche Hausfrau" in eine Kabarettsängerin mit laszivem Touch zu verwandeln. Frack und Zylinder werden dabei zu Ingredienzien des Weiblichen, wenn sie eine der Frauen im Vorbeigehen küsst. Selbst in den Augenblicken größter Hingabe - Augenaufschlag, Verschattung des Blicks, eine leichte Wendung des Kopfes, das wie achtlose Abstreifen eines Negligées - bleibt ein zitternder Hauch von Selbstironie bestehen.

Es sind die heftig aneinander gereihten "wahrsagenden Details", die auch in diesem Film einen schwachen Plot gleichsam elektrisch aufladen und ungeahnte emotionale Verstrahlungen erzeugen. Wenn der Legionär ihr mit einem angedeuteten militärischen Abschiedsgruß seine intime Sehnsucht signalisiert, antwortet sie mit dem gleichen Wink: wunderbarer, erotischer Augenblick von Übertragung und Gegenübertragung.

Unauflösbare Verstrickung ins Unausweichliche - bei Josef von Sternberg genügt ein Gang durch eine Gasse, die nur noch aus wild schraffierten Schatten konstruiert scheint. Was Borges an Sternbergs "geordnetem Chaos" so rückhaltlos bewunderte, ist dessen Fähigkeit zur "Aneinanderreihungen lakonischer Einzelheiten von vielsagender Ausstrahlung". Das Ideal der Literatur, ein vollkommenes, künstliches Objekt zu erzeugen, "an dem kein einziger Bestandteil überflüssig ist", scheint in diesem Film Sternbergs erreicht zu sein.

Oder, mit dem Blick Frieda Grafes auf die bildenden Künste: "Sternberg war ein Maler mit elektrischem Licht." (DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Hanns Zischler
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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