Der Tag danach: "Let's get on with it"

9. Juli 2005, 22:54
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Russell Square - dort, wo London am typischsten ist: Am Tag nach dem Terrorangriff herrscht eine unwirkliche Stille

Russell Square - dort, wo London am typischsten ist: Am Tag nach dem Terrorangriff herrscht eine unwirkliche Stille. Und zugleich stellen die Menschen ihre stoische Gelassenheit zur Schau.

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Am Russell Square, kurz nach halb zehn. Es ist ungefähr die Zeit, zu der am Donnerstag ein paar Schritte weiter ein roter Doppelstockbus der Linie 30 in die Luft gejagt wurde. Polizisten riegeln die Gegend weiträumig ab, blau-weiße Bänder markieren die Sperrzone.

Vor den grellgelben Ketten der Bobbys fragen ratlose Londoner, verirrte Touristen, fast alle mit einem Stadtplan in der Hand, um Rat: wie man jetzt weiterkomme, welche Straße noch offen sei, ob es Sinn mache, sich vom Russell Square zum U-Bahn-Hof King's Cross durchzuschlagen. Oder doch lieber zur Warren Street? Nach Euston? Oder zum Britischen Museum?

Hinter Plastikplanen, die fast so breit sind wie die Straße, steht am Tavistock Place das Wrack des zerfetzten Doppeldeckers. Durch die Sichtschneisen, welche die Plane links und rechts freilässt, kann man orangefarbene Stangen erkennen. Es sind die Haltegriffe der zweiten Etage des zerstörten Busses. Wie Fahnenmasten ragen sie aus dem verbogenen Blech.

Ländliche Ruhe

Der Russell Square - das ist typischstes London, das London der Reiseführer. Ein kleiner Park in der Mitte, eine grüne Oase im Großstadtgewühl, der Platz liegt mitten in Bloomsbury, das wiederum als Synonym für Dichter und Denker steht. Hektisch, geschäftig geht es sonst in dem noblen Innenstadtviertel rings um das Grün zu. Heute herrscht fast so etwas wie ländliche Ruhe, eine merkwürdige Stille, unwirklich für diese riesige Stadt.

"Bei Sainsbury's im Supermarkt hat die Kassierin Zeitung gelesen. So was hab' ich dort noch nie gesehen." Anke Settgast nimmt sich Zeit, mit dem Reporter zu reden. Die Kölnerin, 36 Jahre alt, arbeitet in einer Bibliothek am Russell Square. Am Tag zuvor, als um die Ecke der rote Bus explodierte, hatte sie ihr Büro im Institute of Germanic and Romance Studies gerade erreicht. Ein bisschen zu spät. Sie war gelaufen, weil es an der U-Bahn-Station Chancery Lane, ein ganzes Stück von hier, hieß: "Ladies and Gentlemen, wir haben einen Zwischenfall, dieser Zug endet hier, bitte alle aussteigen." Kaum saß Anke Settgast am Schreibtisch, knallte es, "dumpf, nicht wie bei einer Gasexplosion, sondern so, wie ich mir das bei einer Bombe immer vorgestellt habe".

Was sich für sie ändert? "Ich werde wohl nichts anders machen in Zukunft", sagt Settgast. "Ich liebe diese faszinierende Stadt. Ich liebe den Hyde Park, die Tower Bridge, den Leicester Square, ich geh hier nicht weg."

Keith Sanderson und Ian Barrie, beide Briten, der eine Meteorologe, der andere Eisenbahner, waren zur Tatzeit im Hotel "Russell" an der Ostseite des Platzes. Dort sollte eine Konferenz über das Schienennetz tagen. Sie fiel aus - die beiden hätten gehen können, ab 14 Uhr, als man wieder Leute aus dem Hotel heraus ließ. Doch beide beschlossen, zu bleiben. "Es war wie in einer Blase, wie mitten im Auge des Sturms", sagt Sanderson. "In dieser Blase fühlten wir uns sicherer als draußen, wo wir nicht wussten, was uns erwartete".

"Let's get on with it", sagt Ian Barrie - und diesen Satz muss man schon auf Englisch zitieren, weil es der Satz ist, der London am Tag danach prägt. Weitermachen, die Terroristen ignorieren, ihnen nicht den Gefallen tun, beim täglichen Leben Abstriche zu machen - das ungefähr besagt dieser Satz. Ein freundliches Nicken in der U-Bahn, kein Pathos, sondern demonstrative Sachlichkeit, kurze Gespräche, und irgendwann fällt fast zwangsläufig der Satz "Let's get on with it". Es ist ungewöhnlich, morgens in der Rushhour in der Northern Line, einige Dutzend Meter unter der Erde, problemlos einen Sitzplatz zu bekommen. Die Wagons sind nur halb so voll als sonst, aber diejenigen, die in ihnen fahren, stellen stoische Gelassenheit zur Schau.

An der Westseite des Russell Square beginnt das Gelände der University of London. Dort geht seit zwei Tagen ein Kongress über die Bühne, "Marxismus 2005", "fünf Tage Debatten/Musik/Film", wie es im Programmheft steht. Auch dort überschattet der Terror alles. Im Saal sitzen linke Globalisierungskritiker, auf den T-Shirts Losungen gegen den G-8-Gipfel in Gleneagles. Zu ihnen spricht kurz nach zehn Tony Benn. Der Veteran ist einerseits ganz der gepflegte Gentleman - Pfeife im Mundwinkel, das singende, vornehme Queen's English auf den Lippen -, andererseits steht er in seiner Labour-Partei sehr weit links. Der personifizierte Kontrast, wie er England oft so interessant macht.

"Ich war vierzehn beim 'Blitz', als deutsche Bomben auf London fielen", ruft Tony Benn mit bebender Stimme den G-8-Gegnern zu. Einmal, in einer einzigen Nacht, seien in seiner Nähe über fünfhundert Menschen gestorben. "Was gestern geschah, das erinnerte mich an den ,Blitz'. Diese schreckliche Krise. Aber damals zwang man uns nicht in die Knie, und heute wird man uns auch nicht in die Knie zwingen." (DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Frank Herrmann aus London
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    Demonstrative Gelassenheit: ein Passagier in einem 30er-Bus bei der Abfahrt von Euston Station. In einem Wagen dieser Linie explodierte am Donnerstag eine Bombe und tötete mehrere Menschen.

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