A. würde hier nicht leben können

9. Juli 2005, 16:00
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Zettel, Fotos, Tagebücher - Neues von Alice und Arno Schmidt

Es gibt Fälle im Editionswesen, da erscheint die Wertschätzung der Herausgeber und Rechteinhaber für ihren Gegenstand umgekehrt proportional zu der Anzahl an Seiten, mit der sie diesen in Vor- und Nachworten umgeben. Die Arbeit von Alice und Arno Schmidt zählt zu ihnen.

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Selbstredend, dass der nunmehr sechste faksimilierte Reprint von Zettel's Traum, jenem Monumentalwerk der westdeutschen Literatur der Sechzigerjahre, das seinerzeit zu einem ungewöhnlich hohen Preis von 345 Mark den Überraschungserfolg der Frankfurter Messe darstellte und auf den Lesetischen der öffentlichen Bücherhallen nur in angekettetem Zustand zu konsultieren war, ohne die Eloquenz begleitender Wörter auskommt.

Einzig der Meldung wert sei die Tatsache, wie der Pressesprecher des S.-Fischer-Verlages versichert, dass nach einigen Monaten der Absenz vom hiesigen Markt die 1334 vom Typoskript reproduzierten Seiten jetzt wieder greifbar sind. Dieser Hinweis ist allerdings untertrieben. Denn der Verlag hat für die Neuauflage ein die originalen DIN-A3-Blätter leicht verkleinerndes Format ausgewählt, das das Opus Magnum erstmals handhabbar macht, ohne jenen Verlust an Lesbarkeit in Kauf zu nehmen, der vor wenigen Jahren die Vulgata einer brochierten Taschenbuchausgabe gekennzeichnet hatte.

Lesbarkeit aber ist umso unabdingbarer, als es sich bei Zettel's Traum um ein von fundamentaler Sprachkritik zehrendes Werk handelt, das Dichtungstheorie und psychoanalytischen Essay, Lehr- und Streitgespräch sowie Rudimente narrativer Handlungseinheiten zu koordinieren, d. h. unterschiedliche Informationsdichten auf einer endlichen Folge großer Blätter zu platzieren versucht.

Dass Schmidts literaturgeschichtlich ausgreifender Zitatismus und seine zugleich stupende Freilegung libidinöser Subtexte vieles überflügeln, was später zur Praxis postmodernen Schreibens werden sollte, und dabei die typografische Originalität der maschinschriftlichen Seiten so in den Vordergrund rücken, dass sich bis heute eine Veröffentlichung in gesetzter Form nicht ergibt, spricht für die lebensgeschichtlich gefestigte Aura des Spätwerks eines Autors, dessen letzte zwei Lebensjahrzehnte ihr geografisches Zentrum bekanntlich in einem pauperen Einfamilienhaus im Niedersächsischen gefunden haben: "10° 20' 53'' ö. L. / 52° 42' 20'' n. Br.", wie Arno Schmidt am Jahresende 1958 auf seiner einem Messtischblatt entnommenen Umzugsanzeige kundtat. Mit der Niederlassung, zeitgleich mit bescheidenem ökonomischem Erfolg, ging auch eine Verlagerung ästhetischer Schwerpunkte einher. Das zeigen nicht zuletzt die Fotografien, die seit 1964 entstanden waren und derzeit mit einer Wanderausstellung in einer größeren Auswahl vorgestellt werden, die Janos Frecot, ehemaliger Leiter der Photographischen Sammlung der Berlinischen Galerie, getroffen und zu einer gediegenen Publikation zusammengestellt hat.

Fotos aufgenommen hatten Arno und seine Ehefrau Alice Schmidt zwar schon seit den Vorkriegsjahren, ausnahmslos in Schwarz-Weiß, zunächst als Bestandteil persönlicher Erinnerung, später auch zur Dokumentation von Örtlichkeiten, die fiktiver Schauplatz literarischer Arbeiten werden sollten. Aber mit dem Geschenk einer Yashica 44 zum 50. Geburtstag, einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera für 4 x 4 cm Rollfilmformat, wurden ausschließlich jene zweieinhalbtausend Farbdias aufgenommen, die heute im Nachlass in Bargfeld aufbewahrt sind.



Neben Szenen privaten Lebens im heimischen Garten, neben einigen in ihrer farblichen Komposition überzeugenden Naturstudien, der Vielzahl von Bach-, Wiesen- und Waldstücken, die Frecot in seinem Nachwort unnötig überhöhend an die konzeptuellen Fotoarbeiten zeitgenössischer Künstler der Sechzigerjahre aufschließen sieht, dominiert mit nahezu tragischer Obstinenz ein Motiv, das immer wieder die Bildachsen bestimmt: das Haus, sei es das eigene, aus allen Windrichtungen wahrgenommen, sei es ein ferner Hof, dessen rot gedecktes Dach sich gegen Tageszeiten und Himmelslichter behauptet, oder sei es ein noch am Feldende zu erspähender Unterstand.

 

Zehn Jahre zuvor war derlei Fixierung bereits abzusehen. Nicht zufällig sind die ersten Kurzromane Arno Schmidts voller Figuren, die umgesiedelt werden, die ausgedehnte Fluchtbewegungen vollziehen und größte Findigkeit beim Errichten und Instandsetzen abgelegener Hütten beweisen. Es war dies die unverhohlene Spiegelung nicht allein des Bauwillens bundesrepublikanischer Gründerzeit, sondern zuallererst schmerzhaft empfundener eigener Bedürftigkeit: "Ob wir unseren großen Wunsch, einige Morgen Heideland und ein Häuschen oder Baräckchen darin u. dann viele Kätzchen halten verwirklichen können?", schreibt am 7. 10. 1954 Alice Schmidt in ihr Tagebuch. Und notiert am 28. 5. Arnos Unmut nach einem der vergeblichen Besuche auf dem städtischen Wohnungsamt: "Und Wohnung kriegen wir auch keine! Wenn man halt ein so armes Luder ist und kein Geld hat! Verfluchter Beruf!"

Der Sorgen ist in diesem Jahr 1954, aus dem erstmals die gesamten Tagebucheintragungen ediert werden, kaum ein Ende: Die literarische Anerkennung ist kläglich, die finanzielle zumal, Beruf und Lebensraum stehen wechselweise auf dem Prüfstand, und im Zusammenhang mit einer Archivreise zur Staatsbibliothek Unter den Linden und dem Verwandtschaftsbesuch in einem Berliner Vorort wird auch die Übersiedlung in die DDR in Aussicht gestellt.

Aber "als Schriftsteller, ja eben als Experimentator, würde A. hier nicht leben können", befindet Alice und schreibt es nieder, nicht nur zur eigenen, sondern auch zu Arnos Vergewisserung (29. 7.). Denn ihr Tagebuchschreiben, Zeugnis der gesellschaftlich marginalisierten Existenz eines von schriftstellerischer Arbeit lebenden Ehepaars, ist Teil einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die ihre tägliche, oft umfangreiche Eintragung - meteorologische Daten, Gesprächseindrücke und Häusliches, Briefexzerpte gleichermaßen wie politische Nachrichten - als Memorandum für seine Tätigkeit als Autor verfügbar hält.

Insofern erscheint es müßig, darüber zu räsonieren, wie es die Arno Schmidt Stiftung als Nachlassverwalterin in ihrem Vorwort unternimmt, in wessen Interesse eine Veröffentlichung der gesamten Tagebücher seit 1948 stehen könnte, müßig vor allem zu spekulieren, "was aus Alice Murawski geworden wäre, wäre sie nicht Alice Schmidt geworden" (aus dem Nachwort). Der Textbefund, und sei es nur aufgrund der erschütternden und dennoch pathosfreien Schilderung des Gifttods einer Katze (1. 9.), erfordert die integrale Publikation. "Draußen", so ist vom 25. 12. 1954 zu lesen, "liegt eine dünne weiße Schneedecke; so dünn, daß allerdings viel Erde durchleuchtet." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Hendrik Feindt

Hendrik Feindt lebt als Literatur- und Filmhistoriker
in Hamburg, ist Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin sowie Mitarbeiter u.a. der "NZZ".

  • Das Sichbehaupten gegen Tageszeiten und Himmelslichter: Fotos von Arno Schmidt aus dem unten besprochenen Band "Vier mal vier".
    foto: suhrkamp verlag

    Das Sichbehaupten gegen Tageszeiten und Himmelslichter: Fotos von Arno Schmidt aus dem unten besprochenen Band "Vier mal vier".

  • Alice Schmidt: "Tagebuch aus dem Jahr 1954"Herausgegeben von Susanne Fischer.
€ 39,10/334 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.

    Alice Schmidt:
    "Tagebuch aus dem Jahr 1954"
    Herausgegeben von Susanne Fischer.
    € 39,10/334 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.

  • Arno Schmidt: "Vier mal vier"Fotografien aus Bargfeld. Ausgewählt von Janos Frecot. € 51,30/200 Seiten. 
Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.Arno Schmidt: "Zettel's Traum"€ 204,60/1360 Seiten.
Fischer, Frankfurt/Main 2004.
    foto: suhrkamp

    Arno Schmidt:
    "Vier mal vier"
    Fotografien aus Bargfeld. Ausgewählt von Janos Frecot. € 51,30/200 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.

    Arno Schmidt:
    "Zettel's Traum"
    € 204,60/1360 Seiten.
    Fischer, Frankfurt/Main 2004.

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