"Games people play"

18. Juli 2005, 21:59
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Spielen ist wieder in. Vor allem jetzt, in den Ferien, hat man Zeit, die neuesten Brettspiele auszuprobieren. Aber welches Spiel kaufen? Ein Test

Die Spannung ist unerträglich. Ich habe gerade den dritten ungeliebten Verwandten meines Partners in den Vesuv geworfen und empfinde diabolische Freude dabei. Dann bricht der Vulkan aus, und jeder versucht, seine Leute aus dem brennenden Pompeji zu retten. Wenn das gut geht, werde ich später mit einem orangen Doppeldecker durch das australische Outback fliegen und Naturschutzprojekte verwirklichen. Und wenn dann noch Zeit ist, löse ich einen Mordfall. - Völlig durchgeknallt? Nein. Samstag, 20 Uhr, Spieleabend. Die Kriterien

Für diesen Test hat sich die Spielerunde auf Brettspiele mit Abenteuercharakter beschränkt und Kartenspiele, Memories sowie Denk- und Wissensspiele erst einmal beiseite gelassen. Was übrig blieb, war immer noch eine Menge spannender und witziger Spiele, zum großen Teil für Menschen ab zehn. Gesucht wurde ein Brettspiel, das für Kinder wie für Erwachsene geeignet ist, nach mehreren Durchgängen spannend bleibt, Spaß macht und mit Spielregeln zu spielen ist, die ohne zweitägiges Studium verständlich sind. Bewertet wurden die Aufmachung, die Beschreibung der Spielregeln, der Spaßfaktor und die Suchtgefahr. Aus diesen vier Kategorien ergibt sich die Gesamtnote, wobei 10 das Punktemaximum, 0 das Minimum darstellt.

Die Ergebnisse

"Zug um Zug" von Days of Wonder, für zwei bis fünf Spieler ab 8 Jahre; Preis: 29,99 €
Eisenbahnlinien durch Nordamerika bzw. Europa zu bauen, das kann nervenaufreibend werden! Vor allem im Endspurt traten ungeahnte Charakterzüge der Spieler hervor: Die einen verlangten mehr Wein und Zigaretten und schrieben dabei die Geschichte des Eisenbahnbaus neu, die anderen klammerten sich kreischend an ihren Sesseln fest, denn: Die Spieler dürfen sich den Bau der Linien nicht aussuchen, sondern müssen Aufgaben ziehen - das Erfüllen derselben bringt die dringend benötigten Siegpunkte. Wenn dann just die gezogene Strecke bereits vergeben ist, wird es extrem spannend. "Der weitere Verzicht auf dieses Spiel führt zu seelischer Unausgeglichenheit", resümierte ein Testerpaar, eilte in den nächsten Spielzeugladen, erwarb das Spiel und spielte zwölf Stunden am Stück. 10 Punkte "Pompeji" von Amigo; für zwei bis vier Spieler ab 10 Jahre; Preis: 29,99 €
Bei diesem Zweitgereihten von zwei Siegern gab es eine Kleinigkeit zu bemängeln: Der Vulkan steht etwas schief - das störte die "Adrian Monks" in der Runde. Ansonsten sorgte Pompeji für Aufruhr. Schon beim ersten Spielteil, in dem es gilt, die Stadt zu besiedeln, kam es zu erbitterten Kämpfen um die Verwandtenunterkünfte (ebendiese Verwandten werden dann mit Vergnügen in den Vesuv geworfen). Im zweiten Teil bricht der Vulkan aus, die Bewohner müssen flüchten. Das macht man naturgemäß den Bewohnern seiner Mitspieler so schwer wie möglich. Trotz der Kritik, dass das Spiel "schon etwas makaber" sei, konnten wir nicht mehr damit aufhören. 10 Punkte "Niagara" von Zoch; für drei bis fünf Spieler ab 8 Jahre; Preis: 29,99 €
Eine etwas chaotische Spielbeschreibung führt in das Edelsteinsammlerspiel ein, das erst vor wenigen Tagen zum "Spiel des Jahres 2005" gekürt wurde. Die Spieler fahren mit kleinen Booten flussabwärts und sammeln Steine. Doch auch der Fluss bewegt sich, wodurch die Boote immer wieder Gefahr laufen, den Wasserfall hinabzustürzen und ihre wertvolle Fracht zu verlieren. Diese Abstürze führten in unserer doch sehr erwachsenen Runde zu kindischen Freudenausbrüchen - wie muss es da jungen Spielern gehen? Genau jene Testpersonen, die noch vor drei Stunden nicht mehr mit "Pompeji" aufhören wollten, drängten nun zu noch einer Runde "Niagara". Der Spaß- und Suchtfaktor ist bei beiden Spielen sehr hoch - am besten ein Wochenende Zeit nehmen! 9 Punkte "Australia" von Ravensburger; für zwei bis fünf Spieler ab 10 Jahre; Preis: 34,99 €
Als "spannend und sehr flott" beurteilten die Tester dieses Spiel von der Besiedelung Australiens. Vor allem die kleinen Doppeldecker, mit denen man seine "Ranger" in die fernen Provinzen fliegt, eroberten die Herzen. Auch die Kurzbeschreibungen der Spielzüge kamen gut an: "Genau das, was bei den anderen Spielen fehlt!" Einzig das Zusammenzählen der Punkte - denn Ranger können an Grenzen zu stehen kommen und somit doppelt zählen - bereitete einige Schwierigkeiten. Was natürlich an der fortgeschrittenen Stunde liegen kann. Was wiederum für das Spiel spricht, denn welches Spiel spielt man um drei Uhr morgens? Nur eins, das viel Spaß macht. 9 Punkte "In 80 Tagen um die Welt" von Kosmos; für drei bis sechs Spieler ab 10 Jahre; Preis: 31,90 €
Wie schon im Roman gilt es, die Welt in maximal 80 Tagen zu bereisen, mit Zug, Schiff, Ballon und Elefanten. Mit abgeänderten Regeln ist das Spiel auch zu zweit spielbar. Der Spielplan sieht auf den ersten Blick dürftig aus, ermöglicht aber durch seine Überschaubarkeit gutes Taktieren. Und was zuerst sehr einfach aussieht, wird plötzlich verzwickt: durch Regeln wie zum Beispiel den "Startspieler", der so manchem Spieler seine Taktik ruiniert. "Ein scharfes Finale", meinte ein Spieler, denn wer zuerst im Ziel ist, hat noch lange nicht gewonnen. Die Spielbeschreibung ist nicht ganz einfach, man muss das Spiel ein paar Mal spielen, damit es flüssig wird. 9 Punkte "Das Geheimnis der Abtei" von Days of Wonder; für drei bis sechs Spieler ab 8 Jahre; Preis: 44,99 €
Ein Mord in der Abtei - wer war der Täter? Durch Kartenziehen und Einblicknehmen in die dunklen Klosterkammern soll er gefunden werden. Die Spielanleitung, so die einstimmige Meinung, ist zu kompliziert. Dies hat zur Folge, dass man "Das Geheimnis der Abtei" nur selten mit Neulingen spielen wird. Für eingeschworene Runden ergeben sich aber jene taktischen Möglichkeiten, von denen die Anleitung spricht. Der "Spaßfaktor" wurde hier in "Ehrgeizfaktor" umgewandelt - und der sei "relativ hoch", urteilte die Jury. Allerdings gibt's einige Bremser im Spiel, "weil man immer wieder zur Messe muss". Ja, liebe Mitschwestern und -brüder, wie im wirklichen Leben. 7 Punkte

Herzlicher Dank an die Spielzeugschachtel Salzburg, Schrannengasse 16, bei der man sich alle Spiele erklären lassen und sie ausprobieren kann. Nach unserer Recherche ist dies das einzige Spielzeuggeschäft in Österreich, in dem man die Spiele auch durchspielen darf. (DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10.7.2005)

Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

Romana Hasenöhrl hat für Unentschlossene die neuesten Spiele der letzten Spielemessen unter die Lupe genommen.
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