15 Minuten zum Bilderbuchblick

7. Oktober 2006, 00:00
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Der Tauernhöhenweg für Minimalalpinisten mit Maximalansprüchen ans Genießen

"Jetzt geht's zum Zusperren, der Kräutersepp ist heroben." Mit diesen Worten schließt der Wirt auf der kleinen Tappenkarseealm sein Haus zu. Und schon bald deuten unverkennbare Geräusche darauf hin, dass der Kräutersepp den Schlaf des gerechten Kräutersammlers schläft.

Draußen glitzert das Mondlicht im Tappenkarsee, einem der schönsten Bergseen in den Tauern, jenem Gebirgszug, der Österreich wie ein steinernes Rückgrat durchzieht. Tappenkarsee, Tappenkarseealm und die ein wenig höher im Berghang lawinensicher gebaute Tappenkarseehütte liegen am Tauernhöhenweg, dem längsten und berühmtesten Höhenweg der Ostalpen.

In einigen Abschnitten, vor allem dort, wo es vom Großglockner zum Großvenediger geht und endlose Gletscherquerungen bewältigt werden müssen, gehört dieser von Schladming in der Steiermark kommende Weg aber auch zu den schwierigsten. Doch uns steht bei dieser Wanderung nicht der Sinn nach extremem Bergabenteuer, genussvolles Wandern ist angesagt, als wir unterwegs sind, den für "Normalwanderer", wohl feinsten Abschnitt des "Königsweges" der Ostalpen zu erleben.

Geburt eines Flusses

In Obertauern am Radstädter Tauernpass sind wir aufgebrochen, sind gemächlich hineingestiegen in die Bergwelt der Radstädter Tauern. Immer wieder begegnen wir einem kleinen Bach, der uns entgegenkommt von den Höhen vor uns. Es ist die Enns, die von hier aus ihren Weg in die Steiermark nimmt. Ein wenig seitab vom markierten Weg beim Ennsursprung quillt das Wasser zwischen den Steinen heraus, beginnt seinen Weg der Donau entgegen.

Der Weg führt durch sanftes Almengelände, über gefahrlose Buckel oder harmlose Scharten. Mitunter beleben Weidevieh und Jungtiere die Almen. Aus kleinen Ställen glotzen uns neugierige Kuhaugen nach, die den alten Griechen so sehr als Schönheitsideal galten, dass sie ihre verehrte Göttin Athene "boopis" nannten, die Kuhäugige. Stattliche, mitunter tagsüber viel besuchte, weil bequem zu erreichende Schutzhütten, meistens Alpenvereinshütten, wie die Südwiener Hütte oder die Neue Franz Fischer Hütte liegen in weitem Almengelände oder an rasigen Berghängen, auf denen es rot und blau, weiß und golden leuchtet von Nelken und Primeln, seltenen Faltenlilien, Trollblumen oder bärtigen Glockenblumen.

Es ist eine liebliche Landschaft, so recht geeignet zum genussvollen Wandern ein paar Stunden lang, beinahe schon ein Spazierengehen durch ein Almengelände, das aus einem Bilderbuch ausgeschnitten und in die Landschaft gestellt sein könnte. Doch immer mehr wird die Landschaft zum hochalpinen Erlebnis. Es heißt steigen und schwitzen und immer wieder stehen bleiben, um die Fernsicht auf schnee- und eisschimmernde Berggestalten vor uns zu bewundern.

Landschaftliche Höhepunkte, die mühe- und gefahrlos zu erreichen sind und ihresgleichen in den Alpen kaum haben, säumen unseren Weg. Das sind Bilderbuch reife Gebirgsseen, wie der Tappenkarsee oder die oft auch als Moritzenseen bezeichneten Schwarzseen. Als wir auf der Höhe des Murtörls stehen und das Wasser zwischen schwärzlichem Gesteinsschutt herausquillt, lassen wir unseren Gedanken freien Lauf. Dort unter uns beginnt jener Fluss seinen Lauf, der ihn gleichsam als Geschenk der Salzburger Bergwelt zum wichtigsten Fluss der Steiermark macht.

Gipfelökonomie

Es sind kaum fünfzehn Minuten, die wir brauchen, um den Abstecher auf das Nebelkareck zu machen, wegen der faszinierenden Ausblicke vom Gipfel bei den Wanderern auf dem Tauernhöhenweg bekannt und beliebt. Doch alles übertrifft die Aussicht vom Gipfel des 2750 Meter hohen Weinschnabels. Er ist der einzige Gipfel, den wir Wanderer auf dem Tauernhöhenweg besteigen müssen, wurde doch die Wegführung exakt über diesen Gipfel gelegt. Und das wohl mit Bedacht. Gibt es doch selbst von den Bergriesen Ankogel, Großglockner oder Großvenediger keinen Ausblick entlang des Weges, der sich mit dem vom Weinschnabel messen könnte.

Einzigartig ist ein oft missbrauchter Ausdruck, doch der Begriff drängt sich uns auf angesichts der beiden Moritzenseen, die wie zwei schwarze Augen des Gebirges, wie zwei gewaltige, glänzende Anthrazitknollen tief, tief unter uns liegen. Und zur anderen Seite blicken wir auf das vergletscherte Massiv der Hochalmspitze, das sich ganz unten im Wasser des Kölnbreinstausees spiegelt. Diesen Berg, diese Aussicht und vor allem die beiden schwarzen Seen sind für uns Höhepunkte des Nationalparks Hohe Tauern, in den uns der Weg inzwischen hineingeführt hat.

Einen Tag später steigen wir von der Osnabrücker Hütte am großen Stausee, der heute das Maltatal füllt, in die Höhe, zur Kleinelendscharte, über den Goslarer Weg zum großen Hannoverhaus, das recht aussichtsreich über dem Mallnitzer Tal auf der einen und dem Talschluss des Gasteiner Tales auf der anderen Seite liegt. Am Nachmittag sitzen wir vor dem Haus und genießen die warme Sonne, bevor wir mit der Seilbahn wieder hinab nach Mallnitz müssen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10.7.2005)

Von
Christoph Wendt

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salzburgerland.com

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  • Der Tappenkarsee ist relativ einfach über den Tauernhöhenweg zu erreichen.
    foto: salzburgerland

    Der Tappenkarsee ist relativ einfach über den Tauernhöhenweg zu erreichen.

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