Karge Spuren am Tag nach den Terrorschlägen

9. Juli 2005, 22:54
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Fahndung läuft Hochtouren - Über den Hergang der Attentate gibt es weiter nur wenig Klarheit - Noch kein Beweis, dass Bomben von Selbstmordattentätern gezündet wurden

Um Geduld bitten sie immer wieder, die Herren von Scotland Yard mit dem Chef der Londoner Stadtpolizei in ihrer Mitte. "Wir geben die besten Informationen, die wir haben", versichert Sir Ian Blair am Freitag, genau 27 Stunden nach den Anschlägen in der U-Bahn und auf den Doppeldeckerbus kurz vor dem Tavistock Square im Zentrum der britischen Hauptstadt, wie der "Commissioner" feststellt. Doch die Informationen der Ermittler sind dünn, und der Durst der Öffentlichkeit nach Aufklärung über den Terrorakt ist unstillbar.

Dabei scheint doch allen so klar, was am Donnerstagmorgen in Londons Innenstadt geschah. Vier Selbstmordattentäter müssen es gewesen sein, die sich von zu Hause aufgemacht haben, die Sprengsätze vielleicht in Rucksäcken verborgen. Drei bestiegen im morgendlichen Berufsverkehr die U-Bahn, trennten sich möglicherweise kurze Zeit später und zündeten im Abstand weniger Minuten in verschiedenen Bahnlinien die Bomben. Der vierte Attentäter bestieg den Doppeldeckerbus. Vielleicht wollte er mit der späteren Explosion zusätzlichen Schaden unter Fahrgästen anrichten, die aus der U-Bahn am King's Cross flüchteten; vielleicht auch sollte er ebenfalls einen U-Bahn-Zug in die Luft jagen, legte seinen Sprengsatz aber in letzter Minute im Bus ab.

Doch für keine dieser Hypothesen gibt es am Tag nach der Anschlagserie einen Beleg. Nüchtern tragen die Ermittler von Scotland Yard ihre ersten Ergebnisse vor. Jeder der vier Sprengsätze wog weniger als zehn Pfund, sagt Andy Hayman, der Stellvertreter von Polizeichef Blair. Wahrscheinlich seien die Bomben auf dem Boden der U-Bahn-Wagons abgelegt worden und zwar im Bereich der Stehplätze; der vierte Sprengsatz im Bus könne ebenso gut auf dem Boden wie auf den Sitzen platziert gewesen sein. Auch die Wagons der drei U-Bahn-Linien, die explodierten, können die Ermittler benennen. Damit ist die Auskunft aber schon erschöpft.

Selbstmordattentäter

Indizien für Selbstmordattentäter hat die britische Polizei an diesem Freitag nicht. Innenminister Charles Clarke hält diese Version gleichwohl für wahrscheinlich. Ein anderer Minister, Jack Straw, war schon am Vorabend mit der Erklärung vorgeprescht, die Londoner Anschläge trügen die Kennzeichen von Al-Kaida. Er könne dem Außenminister nur zustimmen, sagt Polizeichef Blair höflich, doch konkrete Hinweise habe er nicht. Ebenso verlaufen Spekulationen im Sand, wonach die Attentäter aus dem Nordosten der Stadt gekommen seien, was eine mögliche erste gemeinsame Route mit der U-Bahn nahe lege.

Es ist die Stunde der Terrorexperten und Sicherheitsberater. Ein Plastiksprengstoff vermutlich aus Militärbeständen sei verwendet worden, steckt ein ehemaliger Nato-Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP. Seinen Namen gibt er nicht preis. Theorien kursieren auch über die Zündmechanismen der Bomben. Das Handynetz sei nicht abgestellt worden, sagt der Polizeichef zumindest, "obwohl wir die Möglichkeiten dazu haben" - man wollte das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht stören.

"Die Sicherheit in einer so lebendigen und liberalen Stadt hat ganz klar ihre Grenzen", gesteht Ian Blair ein. Nicht die Polizei könne den Terrorismus besiegen, sondern die Gesellschaft. (DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

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Massive hunt for London bombers

Von Markus Bernath

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    Absperrungen, Untersuchungen, Ermittlungen in der Tube: Die Londoner Polizei konnte zwei Tage nach dem Attentat mit wenig konkreten Fahndungsergebnissen aufwarten.

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