Als König Midas zum Outcast wurde

29. Juli 2005, 20:34
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Nach Ron Sommer ist die Deutsche Telekom eine Baustelle

Buhmann der Nation war Ron Sommer in seiner sieben Jahre währenden Ära als Vorstandschef der Deutschen Telekom (DT) nicht nur einmal. Anfang 1996 zum Beispiel, als die DT (von der Politik angeordnete) Quersubventionierungen von Fern- zu Ortsgesprächen abschaffte und bei der Einführung der neuen, teils empfindlich teureren Telefontarife auch noch eine peinliche Abrechnungspanne hinlegte, war die öffentliche Entrüstung groß.

Oder auch als erste Indizien auftauchten, die DT könnte ihre Immobilien und Beteiligungen beim zweiten und dritten Börsengang 1999 und 2000 zu hoch bewertet und die Aktionäre mit teilweise unrichtigen, zumindest aber unvollständigen Angaben hinters Licht geführt haben.

Volksaktie stürzte ab

So richtig dick kam es dann aber im März 2002. Da stürzte die mit einer sündhaft teuren Werbekampagne platzierte Volksaktie dramatisch ab - nämlich unter den Ausgabekurs von 1996 - und der mittlerweile zu einem internationalen Konzern ausgebaute deutsche Ex-Monopolist wies höhere Verluste aus, als bei der Ausgliederung aus der Bundesverwaltung im Jahr 1995.

Dazwischen lag eine von Ron Sommer betriebene Einkaufstour, die mit den Machenschaften eines Staubsaugers mehr gemein hatte, denn mit einer gut durchdachten, minutiös geplanten Strategie. Gekauft wurde alles, was gut und teuer war, wobei "gut" im lichtvollen Rückblick der Geschichte natürlich relativ ist. Der völlig unbekannte US-Mobilfunker Voicestream (heute T-Mobile USA, Anm.) etwa, den sich die DT um satte 50,7 Milliarden US-Dollar einverleibte, lieferte erst zwei Jahre nach Sommers Abgang einen positiven Ergebnisbeitrag. An der Übernahme der heimischen Max.mobil verdienten sich die österreichischen Gründungsaktionäre Kronenzeitung, Siemens und Generali goldene Nasen.

Die Zukäufe im Zeitraffer: 1999 den vierten britischen Mobilfunker One-2-One, 35 Prozent an der Kroatischen Telekom, die Kabelnetzbetreiber Media One in Polen, Ungarn und Russland, die französische Festnetzgesellschaft Siris und Max.mobil (heute T-Mobile Austria).

Im Jahr 2000 folgten der französische Online-Dienst Club Internet, eine Beteiligung an der Commerzbanktochter Comdirekt Bank, die Softwarefirma Beta Research von der Kirch-Gruppe, das Systemhaus Debis (von DaimlerChrysler), 51 Prozent an der Slowakischen Telekom - und nicht zu vergessen die UMTS-Lizenz, für die Sommer und seine Konkurrenten insgesamt 50 Milliarden Euro hinblätterten.

Allein die Vision zählte

Spätestens damals hätte es jedem Betriebswirt dämmern müssen, dass allein die Abschreibungen auf Lizenzen und Voicestream sowie die Zinsen für die Einkaufstour auf Pump für eine angespannte Ertragslage sorgen würden.

Weit gefehlt. Für den 1949 im israelischen Haifa geborenen und in Wien zum Mathematiker ausgebildeten Ron Sommer, der bei Nixdorf und Sony Karriere machte, zählte allein die Vision: Die Deutsche Telekom zu einem Global Player zu machen, der beim Shake-out nach der Liberalisierung als strahlender Sieger übrig bleibt, ließ ihn über Fallen hinwegsehen. Zweifel und Kritik perlten an dem immer smart gekleideten und eloquent auftretenden Ron Sommer ab wie an einer Teflon-Pfanne.

Erkennen hätte er die Zeichen der Zeit können. Denn der Goldlack des vom New-Economy-Boom profitierenden Börsendarlings hatte bereits 1999 erste tiefe Kratzer bekommen. Der Vater zweier Söhne, in dessen Händen wie bei König Midas alles zu Gold zu werden schien, musste vor den Toren Roms eine empfindliche Niederlage einstecken: Die Fusion mit der Telecom Italia scheiterte - und mit ihr auch der Pakt mit der France Télécom.

Der Rest ist Geschichte: Sommer fiel bei Bundeskanzler Gerhard Schröder in Ungnade und musste gehen. Seine Nachfolger räumen noch immer auf, bauen den Konzern um und müssen jeden Cent zweimal umdrehen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.7.2005)

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    Ron Sommer wurde in Haifa geboren und studierte in Wien Mathematik.

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