Anatomie und Rhinozeros

15. Juli 2005, 12:06
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In "Das unmögliche Theater" konfrontiert die Kunsthalle vier junge polnische Künstler mit dem Werk des großen Theatermachers Tadeusz Kantor

Wien - Die Wiener Festwochen sind ausgefeiert, und der letzte Vorhang der jüngsten Theatersaison ist gefallen. Kaum haben sich die letzten Applauswogen geglättet, rückt die Kunsthalle Wien - metaphorisch - einen Publikumssessel zurecht: Auftritt für Tadeusz Kantor, den brillanten polnischen Inszenierer antibürgerlicher Theaterperformances, der dieses Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte.

Unter dem Titel Das unmögliche Theater konfrontieren die Kuratorinnen Sabine Folie (Kunsthalle) und Hanna Wroblewska von der Warschauer Zacheta National Gallery of Art vier jüngere polnische Kunstschaffende mit dem Werk des 1990 verstorbenen, heute als "Übervater" sogar gewissermaßen gemiedenen Künstlers: Pawel Althamer, Katarzyna Kozyra, Robert Kusmirowski und Artur Zmijewski.

Ein Unternehmen, das die Gefahr in sich birgt, dass die Jüngeren von der Aura des Älteren überblendet werden oder dass sich die Komplexität des Kantor'schen Werks in einer kuratorischen Verblendung verliert. Doch mit geschickten Bewegungen tanzen Folie und Wroblewska an diesen Fallen vorbei. Kantor kommt eher als Einwand denn als Vorwand daher, und das Quartett der Zeitgenossen spielt sich kontextbewusst frei: Althamer mit seinem Projekt Staff en plein air, in dem er kunstvoll neu kostümiertes polnisches und österreichisches Ausstellungs-Aufsichtspersonal auf Austauschexkursionen nach Österreich und vice versa nach Polen schickt. Zmijewski mit einem Video, das Gehörlose in der Leipziger Thomaskirche beim Intonieren einer Bachkantate zeigt, und mit der Fotoserie Eye for an Eye, die versehrte und nicht versehrte nackte Körper in teils tänzerisch anmutenden Tableaux vivants zeigt. Kusmirowski mit einer Installation, in der er Kantors Tote Klasse weiterarbeitet.

Bauchfreie Operndiva Kozyra kokettiert mit einem humorigen Video, in dem sie als Lou Salome verkleidet die Herren Rilke (verkörpert von Radek Hewelt) und Nietzsche (Frans Poelstra) als Hunderln äußerln führt. Ein Schelm, wer dabei an Valie Export und Peter Weibel denkt. Doch Kozyra erscheint eher, um mit Kantor zu witzeln, als performative Diven-"Emballage". Im Haupthof des Museums übte sie sich zur Eröffnung stündlich bei je dreiminütigen Kurzauftritten in weißem Krinolinenrock, aber ganz kess bauchfrei, als Opersängerin.

Und Kantor selbst wird in Kostproben mit Videos, Fotos, Installationen und Bildern serviert: etwa in seinen wundervollen Umdeutungen der Rembrandt'schen Anatomie und des Rhinozeros von Dürer, mit Motiven aus seinem Panorama Happening am Meer von 1967 und mit einer Fotoserie Die kleinen kosmetischen Operationen, die auch Rudolf Schwarzkogler hätte durchführen können, wäre er nur mit einem etwas sonnigeren Gemüt gesegnet gewesen. Gelungen an der Ausstellung ist eindeutig, dass an Kantor bei allem Respekt nicht kratzfüßig historisierend herangegangen wird, sondern dass eine diskursive Nonchalance anstelle didaktischer Heroisierung als Konzept gewählt wurde.

Bedauerlich dagegen erscheint bei näherer Betrachtung, dass die Kunsthalle bei sich selbst geblieben ist und nicht auch mit Institutionen aus dem Bereich der darstellenden Kunst kooperiert hat. Denn die hier bemühte Hegemonie der Bild-Deutung passt so gar nicht zum künstlerischen Modus vivendi des Livekünstlers Tadeusz Kantor.

Die Gelegenheit eines offenen, interdisziplinären Vorgehens wurde verpasst, und so ist die Darstellung des Unmöglichen Theaters doch sehr hermetisch geworden. (DER STANDARD, Printausgabe, 09./10.07.2005)

Von Helmut Ploebst

Kunsthalle WienBis 3. November
  • Wie sich das Echo von Tadeusz Kantors Werk auf den 1966 geborenen Künstler Artur Zmijewski auswirkt: Fotografie aus dessen Serie "Eye for an Eye" (1998).
    foto: kunsthalle

    Wie sich das Echo von Tadeusz Kantors Werk auf den 1966 geborenen Künstler Artur Zmijewski auswirkt: Fotografie aus dessen Serie "Eye for an Eye" (1998).

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