Reportage: "Für die kleinen Leute Hartz IV, für die großen Leute Nutten"

31. Juli 2005, 18:22
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Wie keine andere deutsche Stadt ist die VW-Heimatstadt Wolfsburg vom Wohl eines Konzerns abhängig. Ein Lokalaugenschein

Im Schneckentempo gleitet ein VW-Touran über das Förderband. Dann wird er lautlos in den Glasturm nach oben gehievt, der zum weithin sichtbaren Markenzeichen der Autostadt in Wolfsburg geworden ist. Alles blitzt vor Sauberkeit - ein krasser Gegensatz zu den jüngsten Vorgängen im europaweit größten Autokonzern.

"Riesenschweinerei"

"Eine Riesenschweinerei ist das, was hier passiert ist", sagt Klaus Hembach (42) vor dem Werkstor Ost. Gleich wird er acht Stunden lang kontrollieren, ob die Fahrzeuge, die zur Auslieferung bereit stehen, auch keinen Fehler haben. Die Lust am Job ist ihm in den vergangenen Tagen allerdings vergangen. Skoda-Chef Helmuth Schuster soll in ein Geflecht von Scheinfirmen verwickelt sein. Klaus Volkert, der mittlerweile zurückgetretene Betriebsratschef, hat offenbar vom Konzern finanzierte Lustreisen genossen - was die Kommunikation zwischen Management und Arbeitnehmer-Vertretern in heiklen Fragen sehr vereinfacht haben dürfte.

Wegen all dieser Geschichten hat Klaus Helmbach eine "Stinkwut", vor allem auf Peter Hartz. Der VW-Personalchef und enge Freund von Kanzler Gerhard Schröder soll per Blankoscheck für den reibungslosen Ablauf der Lustbarkeiten gesorgt haben. Am Freitag hat er die Verantwortung für Unregelmäßigkeiten übernommen und dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt angeboten (siehe Artikel "Personalchef Hartz tritt zurück"). Was die VW-Aktie wieder steigen ließ.

"Für die kleinen Leute macht er Hartz IV, den großen kauft er Nutten", grollt Hembach und bei allem Zorn schwingt auch große Enttäuschung mit. In den 90er-Jahren haben Hartz und Volkert so manchen Coup miteinander gelandet - die Vier-Tage-Woche etwa, auf die man sich in bestem Einvernehmen geeinigt hat. Erst im Herbst haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein Paket geschnürt, das den 150.000 Beschäftigten in Deutschland eine Jobgarantie bis 2011 bescherte.

"Immer ein bisschen sozialer als die anderen"

"VW war immer ein bisschen sozialer als die anderen. Deshalb schaut man nun bei diesen Skandalen besonders hin", so Christian Franz von den Wolfsburger Nachrichten zum medialen Interesse. Dieses bekommt auch Oberbürgermeister Rolf Schnellecke zu spüren. Er gibt im Rathaus im Akkord Interviews, spricht von einer "Katastrophe". Unbedingt müsse reiner Tisch" gemacht werden.

Es gibt in ganz Deutschland keine Stadt, die so sehr von einem Konzern abhängig ist. Werk und Ansiedlung wurden 1938 nur zu einem Zweck am niedersächsischen Mittellandkanal gegründet: Hier sollten Autos entstehen, die sich jedermann leisten kann. Von den 120.000 Einwohnern arbeiten 50.000 im Werk.

"Wissen nicht, was noch alles kommt"

"Alleine der Imageschaden durch diesen Skandal ist gewaltig", sagt einer, der nur Peter genannt werden will. Er sitzt Freitagnachmittag in der "Tunnel-Schänke". Der Laden heißt so, weil daneben der unterirdische Gang beginnt, der ins Werk führt. "Wir verdienen am Fließband das Geld, das die Herren dann für ihre Lustreisen ausgeben". Sicher, bei VW werde immer noch 20 Prozent über Tarif bezahlt, aber, sagt Peter: "Aber ich hab auch drei Null-Lohnrunden hinter mir." Und am meisten macht ihm Angst: "Dass wir nicht wissen, was noch alles kommt." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.7.2005)

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    Arbeiter vor den VW-Werkstoren in Wolfsburg: Über den Betriebsrat und manche Manager sind die meisten "stinksauer".

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