Terrorexperte im STANDARD-Interview: "Die Saat geht jetzt langsam auf"

13. Juli 2005, 15:07
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Terrorexperte Walter Posch: Das Terrornetzwerk hat sich in lokale Einheiten von Bin-Laden-Sympathisanten zerteilt

Bin Ladens Al-Kaida gibt es nicht mehr wirklich, meint der Terrorexperte Walter Posch. Das Terrornetzwerk hättet sich in lokale Einheiten von Bin-Laden-Sympathisanten zerteilt.

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STANDARD: Die Bombenserie in London war nach Madrid und Istanbul der dritte große Anschlag in Europa innerhalb von eineinhalb Jahren. In den USA kam es dagegen seit 9/11 zu keinem Terrorangriff mehr. Ist Europa ein offenes Feld für‑ Al-Kaida und deren Anhänger?

Posch: Europa war wohl immer im Visier dieser Gruppen. Was wir nicht wissen, ist, inwieweit es hier gemeinsame Strukturen gibt und diese Anschläge wirklich miteinander zusammenhängen. Istanbul zum Beispiel war eine eigene Kategorie. Die Vorgabe des Ziels und die Entscheidung für den Zeitpunkt des Anschlags scheinen von Al-Kaida gekommen zu sein, sofern sie in dieser Form noch existiert, aber Planung und Ausführung ist an lokale Gruppen delegiert worden. Al-Kaida sollte man sich weniger als geschlossene Organisation, son 2. Spalte dern als Franchising-Unternehmen vorstellen. In Istanbul waren es türkische Gruppen, in Madrid marokkanische.

STANDARD: Die Anschläge in London will eine "Geheime Gruppe Al-Kaida in Europa" ausgeführt haben.

Posch: Da sind wir schon beim nächsten Problem. Al-Kaida ist als Markenname des Schreckens schon für jeden attraktiv geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich da noch um Leute handelt, die tatsächlich in Lagern von Al- Kaida in Afghanistan ausgebildet wurden und einen Treueeid auf Bin Laden geschworen haben. Ich glaube, Bin Laden und sein Stellvertreter Ayman al-Zawahiri sind marginalisiert. Sie funktionieren als Katalysatoren für Leute, die mit ihnen schon seit Längerem sympathisieren. Diese Saat geht jetzt langsam auf.

STANDARD: Die "Geheime Gruppe Al-Kaida in Europa" kann es also genauso gut auch nicht geben?

Posch: Möglich. Die Vision, die "Marke" Al-Kaida ist ja schon verkauft. Man kann sich vorstellen, dass jemand nur eine Homepage betreibt, eine andere Gruppe sich nur auf das Fälschen von Ausweisen beschränkt, wieder eine andere Gruppe Ziele aussucht oder allein Bomben baut. Es gibt keinen großen Koordinator, aber viele kleine Einheiten – was sie gefährlicher macht.

STANDARD: Es gibt Terrorexperten, die Bin Ladens Botschaften immer als Teil eines "Warnzyklus" verstehen, in dem vergangene Anschläge gerühmt oder die nächsten angekündigt würden. Sein letzter Auftritt kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen sei ein solches kodiertes Signal für einen kommenden Anschlag gewesen.

Posch: Ich halte das für eine legitime These, der ich aber nicht anhänge. Ich sehe das viel weniger koordiniert und das Wirken der einzelnen Gruppen viel autonomer. Es würde ja bedeuten, dass Bin Laden immer noch die Fäden in der Hand hält. Das trifft‑ sicher auf die Phase um den 11. September zu und auf Anschläge der späten 90er-Jahre gegen die US-Botschaften in Afrika und das US-Kriegsschiff "Cole". Doch der Druck auf ihn ist jetzt viel zu hoch geworden. Er hat ja kein Refugium mehr, wo er in aller Ruhe planen könnte. Aber es kann sein, dass es im Internet, im Jargon radikaler Islamisten "Warnzyklen" gibt, die wir noch nicht verstanden haben.

STANDARD: Die britischen Ermittler treten sehr selbstbewusst auf. Die Anschläge seien auch eine Chance, das Terrornetzwerk im Zug der Ermittlungen aufzurollen, heißt es. Glauben Sie das?

Posch: Da gibt es zwei Thesen. Die eine besagt, man könne durch die Aufklärung solcher Anschläge immer tiefer in die Al-Kaida hineinschneiden. Die andere These geht davon aus, das dies hier sozusagen die letzten grausamen Gefechte sind, weil das Netzwerk als solches schon zerstört ist und die übrig gebliebenen Teile sich neu formiert haben. Europa hat im Kampf gegen den Terrorismus sehr wohl Erfolge zu verzeichnen. Natürlich wird auch dieser Anschlag zu neuen Verhaftungen führen.

STANDARD: Die Al-Kaida von Osama Bin Laden gibt es für Sie also nicht mehr?

Posch: Ich glaube, Reste der Al-Kaida sind sehr wohl noch vorhanden, ihre Mitglieder haben sich jetzt in lokale Bereiche eingeklinkt. Man hat ja bereits solche lokale Gruppen identifiziert. Die Frage ist, wie viele Gruppen hat man erkannt?

STANDARD: Ist dieser Kampf dann überhaupt zu gewinnen?

Posch: Ich glaube nicht, dass diese Terrornetzwerke auf lange Sicht die Gesellschaften unterminieren können und siegen werden. Wir lernen ja immer mehr über sie, wir sind vorsichtiger geworden, wir haben Fantasien entwickelt, um sie zu bekämpfen. Sie werden aber auf absehbare Zeit eine Bedrohung bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.07.2005)

Zur Person

Walter Posch ist Islamwissenschafter und Fundamentalismus-Experte. Er arbeitet am Institut für Sicherheitsstudien der EU-Kommission in Paris und an der Akademie für Landesverteidigung des Bundesheeres.

Das Interview führte mit Markus Bernath.

  • Der Islamwissenschafter Walter Posch: "Al-Kaida ist als Markenname des Schreckens schon attraktiv."
    foto: der standard

    Der Islamwissenschafter Walter Posch: "Al-Kaida ist als Markenname des Schreckens schon attraktiv."

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