Das Ende einer Lebenslüge

8. November 2005, 10:29
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Oder: Danke, Europa! Ein Einspruch gegen die antieuropäischen Untertöne in der Diskussion über die anstehende Neuregelung des Hochschulzugangs - Von Hans Pechar

Der EuGH hat gesprochen. Nun dürfen die Universitäten in den Fächern, in denen es in Deutschland einen zentralen Numerus clausus gibt, den Zugang beschränken. Auch wenn Gehrer den provisorischen Charakter dieser Maßnahmen betont: das ist der Anfang vom Ende des offenen Hochschulzugangs. Eine heilige Kuh, lange Jahre von allen Parteien gemästet, wurde durch eine Klage aus Brüssel und ein Urteil aus Luxemburg geschlachtet.

Dass die Wogen, die nun hochgehen, antieuropäisch gefärbt sind, war zu erwarten, ist aber deswegen um nichts weniger ärgerlich. Das wehrlose Österreich, einst Insel der Seligen, wird von europäischen Problemen überrollt! Der Verkehrslawine über den Brenner folgt eine Sturzflut deutscher NC-Flüchtlinge! Dem europäischen Popanz muss nun das Wohl unserer fleißigen Studenten geopfert werden!

Um auch an heißen Sommertagen einen kühlen Kopf zu bewahren, empfiehlt es sich, zwei Dinge auseinander zu halten. Die erste Frage lautet: Wie geht man mit Engpässen in den Ausbildungskapazitäten – die es in allen Hochschulsystemen gibt – um? Verdrängt man das Problem bei der Studienzulassung, mit dem Ergebnis, dass es kurz darauf in Form innerer Warteschleifen und K.-o.-Prüfungen wiederkehrt? Oder stimmt man schon beim Zugang in einer transparenten Form Angebot und Nachfrage aufeinander ab?

Falsche Tränen Wir sollten der europäischen Ebene dankbar sein, dass sie einen Prozess in Gang gesetzt hat, zu dem die österreichische Hochschulpolitik aus eigener Kraft nicht fähig war. Der offene Hochschulzugang ist kein europäisches Vorzeigemodell, das nun auf dem Altar einer neoliberalen Integrationsideologie geopfert werden muss. Er war seit zwei Jahrzehnten nur noch eine Lebenslüge, die die Entwicklung der österreichischen Universitäten behindert hat. Wer diesem System jetzt bittere Tränen nachweint, möge erklären, warum Österreich trotz dieser liberalen Zugangsregelung innerhalb der OECD zu den Schlusslichtern bei den Hochschulabsolventen zählt.

Das zweite Problem besteht darin, dass Österreich nun das Diskriminierungsverbot ernst nehmen muss. Österreicher stehen ab nun mit Bewerbern aus anderen EU-Staaten in einem Wettbewerb um knappe Studienplätze und dürfen nicht aufgrund ihrer Staatszugehörigkeit bevorzugt werden. Ein – gemäß den Zulassungskriterien – besser geeigneter ausländischer Bewerber kann einem schlechter geeigneten Österreicher einen Studienplatz "wegnehmen". Da kocht die Volksseele, da brodelt es am Stammtisch.

Die blau-orangen Spezialisten fürs xenophobe Fach können in dieser Frage ihre Kernkompetenz nicht voll ausspielen. Die einen, weil die Regierungsbürde sie daran hindert, zu ihrer Höchstform aufzulaufen. Die anderen, weil sie an einer Beißhemmung leiden, wenn es nicht um das Gesindel vom Balkan, sondern um Volksgenossen deutscher Zunge geht. Was liegt näher, als dass die SPÖ in die Bresche springt und "Vorrang für Österreichs Studierende" (Broukal) fordert? Das fügt sich gut in die generelle Linie des Nationalprotektionismus, mit der die SPÖ auf die derzeitige Krise der EU reagiert, und die der EU-Abgeordnete Bösch (SPÖ) "reaktionär" nennt.

Werden die hochschulpolitischen Interessen Österreichs durch das EuGH-Urteil bedroht? Werden österreichische Begabungen nun verkümmern, weil wir die Tore für Europa öffnen müssen? Drohen nun an allen Hochschulen Verhältnisse wie an den Musikuniversitäten, wo etwa 50 Prozent der Studierenden Ausländer sind, während viele Österreicher die Zulassung nicht schaffen? Nein.

Die Musikuniversitäten sind ein Sonderfall. Hier verfügt Österreich tatsächlich über ein Elitesegment, das die weltweit besten Talente anzieht, was die Hürden für die heimischen Bewerber naturgemäß erhöht. Die NC-Flüchtlinge sind hingegen Bewerber zweiter Wahl, sie wurden in Deutschland abgewiesen, weil ihr Notendurchschnitt als nicht ausreichend empfunden wurde.

Wie immer die Kriterien aussehen, nach denen österreichische Universitäten ihre Bewerber auswählen: die Chancen der heimischen Maturanten, sich gegen jene durchzusetzen, die im eigenen Land keinen Studienplatz bekommen haben, sind sehr gut.

Auch Österreich wird akzeptieren müssen, dass sich in einem supranationalen Hochschulraum Bewerber aus anderen Ländern als überlegen erweisen können. Andere Länder tun das seit Jahren. Jeder Österreicher, der zum Beispiel von einer britischen Universität aufgenommen wird (und das ist keine vernachlässigbare Zahl, auch wenn es keine verlässlichen Statistiken darüber gibt), nimmt einem britischen Bewerber einen Studienplatz weg. Das ist das Wesen des europäischen Hochschulraums: Er dehnt die Chancen seiner Bürger, ein optimales Studienangebot zu wählen, über die nationalen Grenzen aus. Dass damit im Gegenzug auch die Bereitschaft verknüpft sein muss, das eigene Angebot einem fairen Wettbewerb zu öffnen, sollte sich von selbst verstehen.

Trügerische Hoffnung

Zu Recht wurde von mehreren Seiten im Standard (vgl. Gastkommentare von Josef Broukal und Gertrude Brinek, Interview mit dem Linzer Rektor Ardelt) ein europäischer Lastenausgleich zur Diskussion gestellt. Dieser wird in der Tat unumgänglich sein, wenn der europäische Hochschulraum an Breite und Tiefe gewinnen soll. Die Krise der EU in den letzten Wochen gibt allerdings einen Vorgeschmack darauf, wie schwierig der dafür nötige Kompromiss zu finden sein wird.

Eines ist aber jetzt schon sicher: Mit seiner Hilfe wird sich der offene Hochschulzugang nicht wieder beleben lassen: Jedes realistische Kon 4. Spalte zept eines Lastenausgleichs macht eine Kontingentierung von Studienplätzen unverzichtbar. Kein Finanzminister dieser Welt wird das Scheckbuch zücken, weil ein Land an einer Form des Hochschulzugangs festhalten will, die allen Regeln der Vernunft widerspricht.

Das Zusammenwachsen der nationalen Systeme zu einem großen europäischen Hochschul- und Forschungsraum ist eines der erfolgreichsten Projekte, das über eine eng definierte Freihandelspolitik der EU hinausweist. Gerade in der Stunde einer schweren Krise der europäischen Integration sollte man den Grundpfeiler dieser Politik – das Diskriminierungsverbot – nicht leichtfertig infrage stellen. (DER STANDARD-Printausgabe, 9.7.2005)

Der Autor leitet die Abteilung "Hochschulforschung" der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) an der Universität Klagenfurt.

Der Kommentar ist zugleich eine indirekte Erwiderung auf die gestern an dieser Stelle erschienenen Kommentare von Benedikt Rettenbacher ("Panikmache mit Kalkül") und Manfred Rotter ("Verhöhnung der Demokratie")
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