Wirtschaft bleibt schutzlos gegen Terror

27. Juli 2005, 18:54
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97 Prozent aller deutschen Unternehmen gegen Terror nicht versichert - OECD warnt vor Schäden eines "Mega-Anschlags"

Berlin - New York, Madrid und jetzt London: Auch nach drei verheerenden Anschlägen bleibt die Wirtschaft weitgehend schutzlos gegen den Terror. In Deutschland haben 97 Prozent aller Unternehmen keinerlei Versicherung gegen Anschlagsschäden. Kurz vor den Anschlägen in der britischen Hauptstadt warnte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor den möglichen Folgen eines "Mega-Anschlags" - der Ruf verhallte fast ungehört. Jetzt hingegen könnte sich mancher Vorstandschef fragen, ob eine Police beim deutschen Terrorversicherer Extremus nicht doch Sinn machen würde.

"Fast vier Jahre nach den Anschlägen vom 11. September bleibt Terrorismus eine der größten Herausforderungen für die Versicherungswelt", heißt es in der OECD-Studie. Während in den USA immerhin jedes zweite Unternehmen Ende 2004 eine Terror-Versicherung hatte, waren es in Deutschland gerade mal drei Prozent.

"Extremus" wurde nach "9/11" gegründet

Dabei haben deutsche Firmen seit September 2002 die Möglichkeit, sich bei Extremus gegen Terrorschäden zu versichern. Extremus, hinter dem die Branchenriesen Allianz, Münchener Rück und Swiss Re und 13 weitere Unternehmen stehen, wurde unter dem Schock des 11. September 2001 gegründet. Doch die Nachfrage nach Polizzen ist nach wie vor gering, wie Vorstandsmitglied Dirk Harbrücker bestätigt. Statt mit ursprünglich geplanten 300 Mio. Euro Beitragseinnahmen kalkuliert Extremus in diesem Jahr nur noch mit knapp 60 Mio. Euro, also einem Fünftel.

"Selbst nach den Terroranschlägen von Madrid sind bei uns die Telefone nicht heißgelaufen", betont Harbrücker. Zwar sind fast alle deutschen Flughäfen und viele Verkehrsbetriebe versichert, aber in der Industrie hat Extremus nur 50 Kunden. Das Potenzial läge bei 45.000 Polizzen statt der derzeit 1.100, schätzt er.

Deutsche Industrie für eine "europäische Terrorpolice"

"Die Risikoeinschätzung könnte sich nach den Anschlägen von London ändern", sagt Jan Wulfetange, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Bisher standen viele Firmen der Terrorversicherung skeptisch gegenüber. Als "wesentliche Schwäche des Systems" nennt Wulfetange die begrenzte Deckung der Policen. Extremus versichert nur Schäden in Deutschland. International tätige Firmen müssten sich damit für jeden Standort einzeln versichern - zu teuer, sagen viele Konzerne. Der BDI spricht sich daher für eine europäische Terrorpolice aus. Die ist aber derzeit nicht in Sicht.

Aber bei vielen Unternehmen herrscht auch eine gewisse Sorglosigkeit. "Nicht jeder Mittelständler auf der Schwäbischen Alb hält sich für terrorgefährdet", sagt der BDI-Experte zugespitzt. Extremus-Vorstand Harbrücker führt die Zurückhaltung auf den Kostendruck zurück: "Unternehmen geben kein Geld für etwas aus, was sie nicht als zwingend notwendig erachten."

OECD warnt vor ABC-Angriffen

Sparen am falschen Ende, sagt die OECD. "Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausmaß eines neuen Anschlags könnte das von 2001 noch übertreffen", warnen die Experten. Die Maximalschäden schätzen sie auf 50 bis 250 Mrd. Dollar (41,8 bis 209 Mrd. Euro). Das liegt deutlich über den zehn Milliarden Euro, die in Deutschland maximal abgesichert sind. Für Schäden bis zu zwei Mrd. Euro haftet Extremus, für weitere acht Mrd. Euro steht der Bund gerade. Die Anschläge in den USA waren mit schätzungsweise 32 Mrd. Dollar dreimal so teurer. Zudem hat der Bund noch nicht endgültig entschieden, ob er seine Haftungsgarantie über Ende 2005 hinaus verlängert.

Über den schlimmsten aller Fälle, einen Anschlag mit Chemie-, Bio- oder sogar Nuklearwaffen, möchte nicht einmal Extremus nachdenken. "Wir verlassen uns auf die Experten, die sagen, dass solche Angriffe vorerst unwahrscheinlich sind", sagt Harbrücker. Die Absicherung gegen ein solches Risiko, das die OECD dringend empfiehlt, würde die Prämien deutlich in die Höhe treiben. Wie Extremus bleibt auch den Unternehmen nur die Hoffnung, dass in Deutschland weiter nichts passiert. (APA)

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    "Osama is back": Werbetafel vor einem Zeitungsstand in Nairobi, Kenia.

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