Per Reputationssystem soll Wiener Szene künftig selber Fördergelder verteilen - Skepsis von netbase und den Grünen - Kulturstadtrat stockt Mittel auf
Wien - Die Wiener Netzkultur-Szene kann ab kommenden Jahr in
einem neuartigen Fördermodell über ein softwaregestütztes
Ranking-System selber darüber entscheiden, wer Gelder der Stadt Wien
in der Gesamthöhe von 250.000 Euro bekommt. Insgesamt werden in einem
viermoduligen neuen Fördersystem 500.000 Euro jährlich im Bereich
Netzkultur vergeben werden. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny
(S) lobte am Freitag, das gemeinsam mit der Plattform
netznetz.net entwickelte Modell als "unhierarchisches,
unbürokratisches, sehr transparentes partizipatorisches System" sowie
als "Beispiel gebend" und "Neuland".
Aufstockung der Fördermittel: 200.000 Euro mehr
Die ab 2006 insgesamt vergebenen 500.000 Euro für die Netzkultur
bedeuten laut Mailath-Pokorny eine Steigerung um 200.000 Euro, die
nicht aus anderen Bereichen zufließen sollen, sondern um die das
Kulturbudget erhöht werden soll. Im Modul "Network Grants" soll die
Zusammenarbeit der Szene dadurch gestärkt werden, dass ihre Vertreter
einander durch Stimmabgabe gegenseitig bewerten. Über eine derzeit im
Entstehen begriffene Software können interessante Projekte durch
positive Bewertung durch andere Netzkultur-Initiativen in einer Liste
nach vorne gereiht werden. Die dadurch entstehende Projekt-Hitparade
soll an bestimmten Stichtagen dann als Förderungs-Empfehlung gelten,
schilderte Mailath-Pokorny. Die ersten 15 bis 20 Projekte würden dann
durch einen einheitlichen Betrag gefördert werden, insgesamt werden
auf diese Weise 250.000 Euro vergeben.
Weitere Module des Fördersystems
Weiters vergibt die Stadt Wien "Microgrants" in der Gesamthöhe von
50.000 Euro jährlich für "Neue(s) und Kleine(s)" an "Studierende,
Kurzfristiges, Notfälle" . 100.000 Euro jährlich stehen unter dem
Titel "Backbone Projects" für Hardware, Artist-Residencies, Räume
oder Hardware-Pools zur Verfügung und werden durch ein
Expertengremium vergeben. Und eine jährliche Präsentation des Sektors
Netzkultur wird mit 100.000 Euro via Jury gefördert, schilderten die
SP-Landtagsabgeordneten Sybille Straubinger und Andreas Schieder, die
an der Erstellung beteiligt waren.
netbase ist skeptisch: Fördersystem erinnere an "Gewinnspiel"
Das neue Fördersystem ersetzt die bisher vergebenen Subventionen
im Bereich Netzkultur, zuletzt erhielt die Initiative "Netbase"(früher Public Netbase) einen großen Teil (218.000 Euro) davon. Deren Leiter Konrad Becker meinte während der Vorstellung des
Konzepts, dass dieses "mehr Fragen als Antworten" aufwerfe. Das
computerunterstützte Ranking-System erinnere an ein "Gewinnspiel".
Laut Netbase-Berechnung habe es bereits bisher für den Bereich Neue
Medien 436.000 Euro jährlich gegeben. Das neue Fördersystem will
explizit besonders noch nicht etablierte Strukturen fördern. Es gehe
um "Kollaboration anstatt Institution", so Mailath-Pokorny.
Ständige Nachjustierung der Bewertungsvariablen
Für das Stimmrecht bei den "Network Grants" könne sich "jeder
anmelden, der in diesem Bereich arbeitet", so Straubinger. Bei der
Präsentation wurden Fragen nach der Tauglichkeit eines Votingsystems
aufgeworfen. Um etwaigen gegenseitigen Bevorteilungen oder dem
Einfluss von bereits bestehenden Spannungen zwischen einzelnen
Vertretern innerhalb der Szene auf die Stimmvergabe die Schärfe zu
nehmen, soll während eines Probebetriebs und auch nach Etablierung
des neuen "Reputations-Systems" Anfang 2006 die Möglichkeit bestehen,
Faktoren nachzujustieren. So könnte etwa die gegenseitige Stimmabgabe
von zwei Initiativen füreinander für das Ranking weniger stark
gewertet werden, oder auch gleich bleibende Abstimmungsmuster für
oder gegen einzelne Initiativen über die Zeit entwertet werden. Die
Feinjustierung des Systems sei ein Prozess, der wissenschaftlich
begleitet werden soll, schilderten die Beteiligten.
Grüne: Praxis könne "'Kannibalismus' innerhalb der Gruppe"
fördern
Von den Wiener Grünen kommt dazu Lob und Kritik. Die Erhöhung des
Netzkultur-Budgets werde zwar begrüßt, doch fordern die Grünen erneut
dessen Aufstockung auf eine Mio. Euro, sagte die Kultursprecherin der
Wiener Grünen, Marie Ringler, laut einer Aussendung. Das System der
gegenseitigen Bewertung der Netzkultur-Szene werde "skeptisch
beobachtet", dieses könne "'Kannibalismus' innerhalb der Gruppe"
fördern. (APA/red)