EVN: Investitionen für Kraftwerke in Bulgarien

8. Juli 2005, 18:57
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Interesse an Wasserkraft und thermischen Kraftwerken - Einstieg auch in Gas-, Fernwärme- und Müllgeschaft geplant

Plovdiv - Der niederösterreichische Versorger EVN will nach dem Erwerb von zwei Stromverteilunternehmen im Südosten Bulgariens auch in die Erzeugung einsteigen. Mittelfristig sollen 40 bis 60 Prozent der Stromabgabe (derzeit rund 6.600 GWh im Jahr) aus eigener Erzeugung kommen, sagte Peter Layr, EVN-Vorstand und Aufsichtsratschef der beiden EVN-Töchter in Bulgarien, vor österreichischen Journalisten in Plovdiv. Aktiv werden will die EVN in Bulgarien auch in ihren anderen Geschäftsfeldern Gas, Fernwärme, Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie Müllverbrennung.

Derzeit beziehen die bulgarischen EVN-Töchter ERP Plovdiv und ERP Stara Zagora ihren Strom von der staatlichen Gesellschaft NEK, die als landesweite Übertragungsgesellschaft fungiert und im Rahmen eines "Single Buyer-Modells" nahezu die gesamte Stromerzeugung von den Stromproduzenten erwirbt und damit Großkunden im Hochspannungsnetz als auch die Regionalversorger beliefert.

Mögliche Zukäufe

Beim Einstieg der EVN in die Erzeugung seien sowohl die Errichtung von Kraftwerken als auch Zukäufe möglich, so Layr. Man denke an mehrere kleinere Kraftwerke, auch mit strategischen Partnern, die auch aus Österreich kommen könnten. Wichtig sei ein Partner, der dieselben Interessen habe, auch eine Minderheitsbeteiligung der EVN sei möglich. Es gebe aber zudem noch Kohlereviere, bei denen man Kraftwerke errichten könne.

Beteiligungen der EVN seien an ein bis zwei größeren Wärmekraftwerken und zwei bis vier Wasserkraftwerken möglich. Von der Größenordnung her hätten neue Wärmekraftwerke eine installierte Kapazität von nicht unter 400 und nicht über 700 MW, bei der Wasserkraft seien es 20 bis maximal 100 MW. Als Zeithorizont für den Einstieg in die Erzeugung sieht die EVN den Zeitraum 2007 bis 2010.

Die Gesamtkapazität der bulgarischen E-Wirtschaft liegt derzeit bei 13,2 GW. Es gibt vierzehn Wasserkraftwerke, zehn kalorische Kraftwerke, mehrere Fernwärmekraftwerke sowie das Atomkraftwerk Kosloduj, bei dem die zwei ältesten Reaktorblöcke laut einer Vereinbarung mit der EU bis Ende 2006 vorzeitig still gelegt werden müssen. Geplant ist aber der Neubau eines neuen AKW an der Donau bei Belene, östlich von Koslodj. Bulgarien ist derzeit Stromexporteur. Die Gesamterzeugung lag im Vorjahr bei rund 37.500 GWh, der Verbrauch bei rund 26.200 GWh.

Interesse an Fernwärme

Die EVN hatte sich bereits bei der Privatisierung von drei Kohlekraftwerken interessiert. Mitbieten will die EVN bei der für nächstes Jahr geplanten Privatisierung des Fernwärmekraftwerks in Plovdiv. Interessiert ist die EVN auch an Müllverbrennungsanlagen in der Südost-Region sowie am Erwerb von Gas-Konzessionen. Ziel der EVN seien moderate Wachstumsraten im Stammgebiet und Akquisitionen dort zu machen, wo sie nötig seien, um der Unternehmensentwicklung Rechnung zu tragen, so Layr. Dies solle in "Geschäften, die wir beherrschen" und in "berechenbaren Märkten" erfolgen.

Bei der Stromverteilung setzt die EVN in Bulgarien auf einen wachsenden Stromverbrauch. Durch die Umstrukturierungen der vergangenen Jahre sei der Verbrauch bei den Industriekunden zurückgegangen, während die Haushalte zulegten, sagte der Vorstandsvorsitzende der beiden bulgarischen EVN-Töchter, Stefan Szyszkowitz, in Plovdiv vor österreichischen Journalisten.

Der Durchschnittsverbrauch eines bulgarischen Haushaltes liegt laut EVN bei 200 kWh im Monat. Beantragt wurde von der EVN in Bulgarien nun die Einführung einer Zählergebühr von 3 Lewa. Derzeit gibt es für jeden privaten Stromabnehmer für die ersten 25 kWh auch noch einen Sozialtarif.

Harmonisierung von Strukturen

Beim Integrationsprozess der beiden Gesellschaften sei man in der Mitte bis zum zweiten Drittel, so EVN-Vorstandsdirektor Peter Layr. Es würden Strukturen und Abläufe mit Niederösterreich harmonisiert, dadurch ergäben sich die besten Synergien. Einen großen Schritt habe die EVN noch vor sich: eine kundenfreundliche Außendienstorganisation aufzubauen. Dann sei man auch auf den Wettbewerb im Zuge der Marktöffnung vorbereitet. Der bulgarische Strommarkt soll bis Mitte 2007 völlig liberalisiert sein. Bereits abgeschafft hat die EVN in ihren Kundenzentren die Glaswände, die bisher den Mitarbeiter des Unternehmens vom Kunden trennten.

Ein Problem in Bulgarien ist auch der hohe "Stromschwund". Diese so genannten technischen Verluste liegen bei der Gesellschaft in Plovdiv bei rund 20 Prozent, in Stara Zagora bei rund 14 Prozent, davon dürften die tatsächlichen technischen Verluste bei rund 9 bis 10 Prozent liegen. Die EVN will die "technischen Verluste" nun unter anderem durch den Austausch von alten manipulationsanfälligen Zählern reduzieren.

1,5 Millionen bulgarische Kunden

Insgesamt hat die EVN 2,3 Millionen Stromkunden, davon rund 1,5 Millionen Kunden in Bulgarien. Beschäftigt sind im EVN-Konzern derzeit rund 6.600 Mitarbeiter, davon wiederum etwas mehr als 4.000 in Bulgarien. Die Gesellschaft in Plovdiv erzielte im Jahr 2004 einen Umsatz von 336,8 Mio. Lewa (172,2 Mio. Euro), ein Plus von 4,7 Prozent. Das EBITDA belief sich auf 25,1 Mio. Lewa (plus 14,1 Prozent), das EBIT auf 10,9 Mio. Lewa (plus 18,4 Prozent) und das Jahresergebnis auf 6,9 Mio. Lewa (plus 32,8 Prozent).

Bei der Tochtergesellschaft in Stara Zagora wurden im Vorjahr Umsätze von 277,9 Mio. Lewa (plus 7,9 Prozent) erzielt. Das EBITDA betrug 45,9 Mio. Lewa (plus 55,5 Prozent), das EBIT 23,1 Mio. Lewa (nach 8,9 Mio. Lewa) und das Jahresergebnis 17,0 Mio. Lewa (nach 5,3 Mio. Lewa). (APA)

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