Pressestimmen: "Machtlose Mächtige"

9. Juli 2005, 17:05
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"Liberation": Briten behalten kühlen Kopf - "La Repubblica": Europa steht mitten an der Front

Wien - Europäische Tageszeitungen zu den Anschlägen in London:

"Liberation" (Paris):

"Was für ein Kontrast! Wer das zur Maske erstarrte Gesicht des entschlossenen britischen Premierministers gesehen hat, der musste an den vor Freude strahlenden Tony Blair nur einen Tag zuvor denken, als London den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhielt. An dem von Blair erklärten Krieg gegen den Terrorismus wird sich also nichts ändern. Seine Weigerung, sich durch die Anschläge einschüchtern zu lassen, passt zu dem kühlen Kopf, den die Briten am Donnerstag in den Straßen der Hauptstadt bewahrt haben: Keine Panik, unerschütterliche Ruhe und der schon so lange bekannte Widerstandsgeist dieses Volkes."

"The Daily Telegraph": Weiter Klicken "The Daily Telegraph" (London):

"Die G8-Politiker werden bei ihren Beratungen in Schottland daran erinnert, dass neben den Debatten über den Klimawandel und die Armut in Afrika der Kampf gegen den Terrorismus ihr wichtigstes Thema bleibt. Für die Londoner war nach der Freude vom Mittwoch (über die Vergabe der Olympischen Spiele 2012) der Donnerstag ein schwarzer Tag. Aber die Art und Weise, wie sie dem Geschehen begegneten, gibt Kraft für den langen und schweren Kampf, der noch bevorsteht."

"La Repubblica": Weiter Klicken

"La Repubblica" (Rom):

"Im selben Land, wo die Großen der Welt den G-8-Gipfel eröffneten, im selben London, das das 'Zentrum der Welt' 2005 geworden war, hat der Terrorismus gestern seinen Krieg geführt - indem er die Metros angriff, die Züge in den Tunneln verbrannte, Dutzende Menschen durch Bomben tötete, bis die ganze Stadt im Terror zum Erliegen kam und sich der Alarm auf ganz Europa ausbreitete.

Einerseits waren da die Führer der großen Länder, die sich um einen plötzlich um Jahre gealterten (britischen Premierminister Tony) Blair vereinten (...) - und die die symbolische und politische Zielscheibe der Bomben waren. Auf der anderen Seite Kriegsszenen im friedlichen Umfeld unserer alten europäischen Städte, die seit 60 Jahren daran gewöhnt sind, ohne Konflikte im eigenen Land zu leben: Krankenwagen, Sirenen, Polizisten und Soldaten, Blut. Wieder erinnert uns der Tod - wie bereits in Madrid (...) - daran, dass wir mitten an der Front stehen, während wir noch glauben, im Frieden zu leben."

"Svenska Dagbladet": Weiter Klicken "Svenska Dagbladet" (Stockholm):

"Wie viele Tote es gegeben hat, ist eine lebenswichtige Frage für alle, die sich in London befinden oder Freunde und Angehörige vor Ort haben. In anderer Weise aber spielt es keine so große Rolle, wie viele Menschen betroffen sind. Wenn sich Angriffe gegen den Massentransport richten, ist das Ziel Massenmord an Unschuldigen. In welchem Ausmaß es von den Terroristen erreicht wird, ändert nichts an der Natur ihres Handelns. Sie ist genauso grauenhaft wie am 11. September. (...) In gewisser Weise sind die Spekulationen über denkbare Täter sinnlos. Operativ spielt es natürlich eine große Rolle, welche Organisation hinter dem Terror steht. In moralischer Hinsicht aber macht das keinen Unterschied. Terrorismus darf sich niemals lohnen."

"Il Messaggero": Weiter Klicken "Il Messaggero" (Rom):

"Mit feuchten Augen, die Stimme voller Schmerz und Wut: Die Rede, die gestern live und nur wenige Stunden nach den Anschlägen von London aus Schottland im Fernsehen übertragen wurde, war vielleicht die schwerste und am wenigsten verführerische in der langen politischen Karriere des britischen Premierministers. Indem er ohne jede Form der Rhetorik auskam, hat Blair es geschafft, die richtigen Sätze für ein Land zu finden, das nach den Explosionen in seiner Hauptstadt tief erschüttert war.

Eine kurze Rede, die von einem authentischen Staatsmann gehalten wurde und an die Botschaften erinnerte, die große Führer in den wichtigsten Momenten der britischen Vergangenheit an die Nation gerichtet hatten. So wählte Winston Churchill im Mai 1940 ähnliche Worte, als er erläuterte, was im Kampf gegen den Nationalsozialismus auf dem Spiel stand und welche Opfer erbracht werden müssten, um die Hoffnung auf einen Sieg am Leben zu erhalten."

"Neue Zürcher Zeitung": Weiter Klicken "Neue Zürcher Zeitung":

"Wenn es stimmt, dass die Serie von blutigen Anschlägen in London von einer Terrororganisation vorbereitet und ausgeführt worden ist, dann steckt dahinter ein ebenso diabolisches wie raffiniertes Timing. (...) Dennoch sind verantwortungsbewusste Regierungen verpflichtet, alle im Rahmen eines Rechtsstaates möglichen Anstrengungen zu unternehmen, um das Terrorrisiko zu reduzieren. Zu diesem Kampf gehören auch politische, wirtschaftliche und soziale Konzepte, die darauf abzielen, den Nährboden für terroristische Rattenfänger und Verführer wirkungsvoll auszutrocknen."

"Le Figaro" : Weiter Klicken "Le Figaro" (Paris):

"Vielleicht finden die auf dem G-8-Gipfel versammelten Großen dieser Welt jetzt den Weg zu dem, was vorrangig ist. Zunächst einmal ist es wichtig, die oftmals fruchtlosen Querelen einzustellen und den Solidaritätsbekundungen einen greifbaren Inhalt zu geben. Mit ihren Bemühungen, die Armut in Afrika zu verringern und das Überleben des Planeten zu sichern, sind sie auf einem guten Weg. Auch der Kampf gegen den Terrorismus und seine tief liegenden Wurzeln erfordert es, jenseits aller Divergenzen zu einem wirklichen Dialog unter Partnern zu kommen. Denn sonst werden wir angesichts der blinden Gewalt gegen unsere Hauptstädte lange nur Wut und Ohnmacht empfinden können."

"ABC": Weiter Klicken "ABC" (Madrid):

"Die von Al Kaida geförderten Attentate islamistischer Terroristen in London sind der Beweis dafür, dass die Demokratien von einem geduldigen und unerbittlichen Feind bedroht sind, der entschlossen ist, sein Ziel zu erreichen. Nach New York, Washington und Madrid steht nun London auf der Liste jener Städte, die Opfer eines Fanatismus geworden sind, dessen Absicht es ist, die westlichen Demokratien zu zerstören. Gleichzeitig will er jeden Keim von Freiheit in der muslimischen Welt vernichten."

"Klassekampen": Weiter Klicken

"Klassekampen" (Oslo):

"Terroraktionen, deren Ziel es ist, möglichst viele Zivilisten zu töten, können niemals ein Teil des rechtmäßigen Widerstandskampfes gegen imperialistische Übergriffe sein. Deshalb nimmt auch die breite irakische Widerstandsbewegung Abstand von Aktionen, die gegen Moscheen und Marktplätze gerichtet sind. Die Widerstandsbewegung greift deshalb die US-Armee und ihre regionalen Alliierten an. Angriffe ausschließlich gegen Zivilisten, unabhängig davon, wer dafür verantwortlich ist, tragen nur dazu bei, die Widerstandsbewegung zu diskreditieren. Das gilt auch für die grausame Terroraktion gestern in London - die die Leben so vieler unschuldiger Menschen gefordert hat."

"Nesawissimaja Gaseta": Weiter Klicken "Nesawissimaja Gaseta" (Moskau):

"Die Explosionen in London sind zu einem zweiten 11. September (2001 - Anschläge in New York und Washington) für die Welt geworden. Die G-8-Staaten müssen einsehen, dass der Sieg über den Terrorismus noch fern ist.

Man muss nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten den globalen Kampf gegen den Terrorismus untereinander abstimmen. Denn London ist nach New York und Moskau die dritte Hauptstadt eines G-8-Landes, die von den blutigen Attacken des unsichtbaren Feindes heimgesucht worden ist."

"Nepszabadsag": Weiter Klicken "Nepszabadsag" (Budapest):

"Nach Madrid haben sie uns erneut gezeigt, dass der globale Kampf gegen Terrorismus weit entfernt ist von einem Sieg. Denn (das Terrornetzwerk) Al Kaida ist unverändert bereit und fähig, dort groß angelegte, wirkungsvolle Massenmord-Aktionen durchzuführen, wo alle nur menschlich vorstellbaren Abwehrmaßnahmen eingehalten werden und es eine jahrzehntelange Praxis in den Kampfmethoden gegen Terrorismus gibt. London ist eine solche Stadt.

Demnach hängt es nur von Willkür und Lust der Al Kaida ab, wo und wann die Menschen zittern müssen. Sind die Kampfhandlungen in Afghanistan und im Irak umsonst, umsonst die weltweite Kooperation der Geheimdienste und Kommandoeinheiten, sind (Al-Kaida-Chef) Osama (bin Laden) und seine Truppe nicht geschwächt? (...) Die bisher unternommenen Anti-Terror-Schritte sind weder ausreichend effektiv noch ausreichend umfassend und gut, und müssen demnach verschärft werden.

"Rzeczpospolita": Weiter Klicken "Rzeczpospolita" (Warschau):

"Ein professionelles Schutzsystem ist nicht alles. 'Wir lassen nicht zu, dass Gewalt unsere Gesellschaft und unsere Werte verändert', schrieben die G-8-Führer in einer Sondererklärung. (...) Und doch gab Spanien im vergangenen März (mit dem Truppenrückzug aus dem Irak) der terroristischen Erpressung nach.

Die Entschlossenheit der europäischen Gesellschaften ist nicht sicher, weil sich Europa in einer Krise der Werte befindet. Sicher ist nur, dass die Europäer um jeden Preis ihren Wohlstand erhalten und ihre Ruhe haben wollen. (...) 'Unsere Werte' bedeutet oft genug 'unser Wohlstand' und 'unsere Bequemlichkeit'. Mit einer solchen Moral kann es schwer sein, sowohl den Ursachen als auch den Ergebnissen des Terrorismus zu begegnen. Es muss jedoch genügend Kraft und Glauben gefunden werden, um diese Herausforderung anzunehmen."

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"Pravda" (Preßburg):

"Es war eine hässliche Attacke, die mit einfachen Mitteln durchgeführt wurde. Ein Massaker, wie es den Israelis bekannt ist, aber in Serie. Es war Terrorismus, der schwer zu verhindern ist. Diese Verrückten zeigten London seine Hilflosigkeit und führten ihr blutrünstiges Elend der ganzen Welt vor."

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"Novy Cas" (Preßburg):

"Der islamische Terrorismus ruft immer nur Tod und Tränen hervor. Die Grundlagen unserer Zivilisation wurden angegriffen. Aber die Menschen dürfen nicht Angst vor dem Terrorismus haben, weil es das ist, was die Terroristen wollen. Sollten wir apathisch sein, können wir weitere Anschläge erwarten."

"Sme": Weiter Klicken

"Sme" (Preßburg):

"Die Terroristen wissen, dass sich die Angst auf den Straßen ausbreiten könnte, wenn sie schon nicht die Regierungspaläste ergreift. Und die Angst auf der Straße könnte in einiger Zeit eine neue Generation von Führern hervorbringen. Eine Generation, die, bewusst oder unbewusst, den Untergang der Zivilisation an ihrer Stelle (der Terroristen) besiegeln wird."

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"Mlada Fronta Dnes" (Prag)

"Die Anschläge in Madrid und London unterscheiden sich grundsätzlich nicht und übermitteln Europa nur zwei Neuigkeiten. Die absolut schlechte Neuigkeit ist, dass die fundamentalistischen Terroristen überall und immer angreifen können. Sie können töten und ein großes Land für lange Zeit lähmen. Madrid hat gezeigt, dass sie sogar zum Sturz der Regierung führen können. Die zweite, gute, Nachricht ist, dass die Bombenanschläge trotz der guten Planung und ihres guten Timings nicht sehr wirkungsvoll gewesen sind. Nach dem 11. September befürchtete die Welt Anschläge mit biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen, die die Demokratie zerstören könnten. Stattdessen haben die Terroraktionen in Madrid und London den Charakter kleiner, aber wichtiger 'Guerillaoperationen' weit hinter dem Rücken des Feindes." (APA)

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