Britischer Kriegsherr im Terrorschock

8. Juli 2005, 10:20
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Ein nationaler Schulterschluss mit dem obersten Krisenmanager des Landes, Tony Blair, ist zu erwarten - von Christoph Winder

"Es ist mit einiger Gewissheit anzunehmen, dass Terroristen hinter der Attentatswelle in London stehen." Mit diesen Worten hat sich der britische Premier Tony Blair wenige Stunden nach der Detonation des ersten Sprengsatzes in London an seine Landsleute gewandt und ihnen versichert, dass es den Bombenlegern nicht gelingen werde, das zu zerstören, "was uns in diesem Land wertvoll ist".

Wie die meisten Briten dürfte auch er in diesen Tagen durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen sein. Die Triumphstimmung nach dem Zuschlag für die Olympiade 2012 ist am Donnerstag der Verzweiflung, der Wut und der Trauer über die "barbarischen Attacken" (Blair) gewichen, die London geschockt und ins Chaos gestürzt haben.

Die politischen Auswirkungen der Anschläge lassen sich noch nicht in allen Einzelheiten prognostizieren, doch wenn die Engländer ähnlich reagieren wie die Amerikaner nach 9/11, dann wird es wohl auch hier zu einem "Rally 'round the flag"-Effekt kommen, zu einem nationalen Schulterschluss mit dem obersten Krisenmanager des Landes, zu dem Blair in diesen Tagen geworden ist. George W. Bush war nie populärer als in jenen Stunden, als er auf dem Trümmerfeld des World Trade Center im südlichen Manhattan den 9/11-Hintermännern durch ein Megafon lautstark Rache schwor.

Etwas mehr Zuwendung vonseiten der Briten könnte das in die Jahre gekommene politische Wunderkind Blair in seiner dritten Amtszeit fraglos gut gebrauchen. Seine Labour Party hat zwar bei den Wahlen im heurigen Mai wieder gewonnen - doch Sieger sehen anders aus, als Blair nach bestandener Wahlschlacht ausgesehen hat. Eine ganze Reihe seiner Parteifreunde muckte angesichts der Labour-Stimmenverluste öffentlich auf und forderte, dass Blair seinen Platz so schnell wie möglich für seinen präsumtiven Nachfolger, Schatzkanzler Gordon Brown, räumen solle.

Vor allem die Kompromisslosigkeit, mit der sich der vierfache Familienvater - vor fünf Jahren wurde Gattin Cherie von ihrem jüngsten Sohn Leo entbunden - beim Krieg gegen den Irak hinter den US-Präsidenten gestellt hat, ist ihm von Kritikern schwer ankreidet worden. Auch der Vorwurf der absichtsvollen Konstruktion von Kriegsgründen wurde laut. All das hat seinen Tribut gefordert. Im September des Vorjahres musste sich der 52-jährige Premier wegen Herzrhythmusstörungen operieren lassen; und auch sein einst jugendfrischer Nimbus ist seit Langem dahin. Geblieben sind sein politisches Geschick und die Fähigkeit, in Krisenfällen den richtigen Ton und die richtigen Worte zu finden. Diese Fähigkeit wird er in den schweren Tagen, die den Briten bevorstehen, auch bitter nötig haben. (DER STANDARD, Print, 8.7.2005)

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