Aktien im Minus, Anleihen im Plus

27. Juli 2005, 18:54
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Die internationalen Aktienmärkte reagierten zwar mit Kursverlusten, ein Kurssturz wie nach den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 blieb aber aus

London/Frankfurt/New York/Wien - Die Terroranschläge in London haben an den internationalen Finanzmärkten am Donnerstag für Turbulenzen gesorgt. Händler sagten, dies habe "böse Erinnerungen" an die Attentate vom 11. September 2001 in New York und Washington sowie vom 11. März 2004 in Madrid geweckt. Die Aktienkurse sanken auf breiter Front, ebenso Öl und das Pfund. Als vermeintlich sichere Anlagen zogen Anleihen, der Schweizer Franken und der Goldpreis dagegen an.

Die Leitindizes aller 18 westeuropäischer Märkte schlossen tiefer. Auch die New Yorker Börse eröffnete schwächer. In Frankfurt fiel der Deutsche Aktienindex (DAX) zwischenzeitlich um fast vier Prozent, erholte sich im Verlauf aber leicht. Ähnlich die Entwicklung in London. In Summe notierten die europäischen Börsen um zwei bis drei Prozent unter dem Vortageswert. Die Anleger trennten sich vor allem von Aktien der Versicherer und Touristik- sowie Luftfahrtkonzerne. Zum Vergleich: Am 11. September 2001 sank der DAX um 8,5 Prozent. In New York eröffnete die Wall Street eine Woche nach den Anschlägen um sieben Prozent tiefer. Und nach den Anschlägen auf die Pendlerzüge in Madrid gab der DAX um 3,5 Prozent nach.

Anders als die Aktienmärkte zog am Donnerstag der für die europäischen Rentenmärkte richtungweisende Bund-Future in der Spitze um 140 Punkte auf ein Allzeithoch von 124,06 Punkte an. In politisch unsicheren Zeiten ziehen Anleger in der Regel die Staatsanleihen als vermeintlich sicheren Anlagehafen den Aktien vor.

Öl billiger Nach der Explosion verbilligte sich das US-Leichtöl im Londoner Handel auf 59,35 Dollar pro Barrel (159 Liter) nach zunächst 62,10 Dollar vor der Explosion. Brent sank nach den Ereignissen auf den tiefsten Stand in der europäischen Sitzung bis auf 57,71 Dollar pro Barrel. Zuvor hatte Brent bei 60,70 Dollar ebenfalls ein Rekordhoch markiert. Händler begründeten den Preisrutsch mit Panikverkäufen. Es gebe Sorgen am Markt über die Auswirkungen der Explosionen auf die Wirtschaft.

An den Devisenmärkten geriet das Pfund unter massiven Verkaufsdruck. Mit 1,7403 Dollar notierte die britische Währung auf dem niedrigsten Niveau seit 19 Monaten. Der Euro stieg zeitweise um einen US-Cent über die Marke von 1,20 Dollar, bröckelte im Verlauf aber wieder ab. Der Schweizer Franken und der Goldpreis profitierten wie die Staatsanleihen von ihrem Status als krisensichere Anlagen. Der Franken zog um mehr als ein Prozent an, sodass der Dollar zeitweise auf unter 1,29 Franken von über 1,30 Franken fiel. An der Edelmetallbörse stieg der Preis für Gold um rund ein Prozent auf ein Tageshoch von 427 Dollar je Feinunze.

Kurzfristige Auswirkungen

Das Münchner ifo-Institut erwartet zunächst nur kurzfristige Auswirkungen auf die Finanzmärkte. "Im Augenblick gehe ich nur von einem momentanen Einbruch aus", sagte ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb. Es sei ein übliches Muster, dass die Finanzmärkte in solchen Fällen überschießen. Einen Grund, an den Konjunkturprognosen zu rütteln, gebe es nicht. Ein Rundruf des STANDARD bei den heimischen Großbanken hat ein ähnliches Stimmungsbild ergeben. Alexander Sikora-Sickl von der Erste Bank erwartet eine relativ rasche Erholung der Märkte. Auch bei Madrid habe man gesehen, dass nach rund zwei Wochen die Kursverluste wieder aufgeholt waren. Wilhelm Celeda von der RZB: "Die Panik war nur kurz. Wenn keine weiteren Anschläge folgen, wird es keine großen Schwankungen geben." Etwas vorsichtiger interpretiert Alfred Reisenberger, Chef-Analyst der BA-CA: "London ist das Finanzzentrum der Welt, wie schnell die Kursverluste nach den Anschlägen wieder aufgeholt werden können, lässt sich daher nicht genau sagen." Die Auswirkungen auf die Wirtschaft werden sich erst zeigen. (Bettina Pfluger, Claudia Ruff, DER STANDARD, Print Ausgabe, 08.07.2005)

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