Ein-Eltern-Familien minderwertige Form des Zusammenlebens?

7. Juli 2005, 20:16
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Österreichische Plattform für Alleinerziehende kritisiert den Bundeskanzler in einem Offenen Brief

Die Österreichische Plattform für Alleinerziehende übt Kritik an den Aussagen von Bundeskanzler Schüssel zum Thema "Familienallianz" und betont den "vollkommen wichtigen Beitrag" der Alleinerziehenden, "um den erarbeiteten Wohlstandes unserer Gesellschaft auch in Zukunft erhalten zu können". Im Folgenden der Offene Brief der Plattform im Wortlaut.


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Laut einer Meldung im "Standard" vom 30. Juni 2005 gebrauchten Sie in Ihrer Parlaments-Rede am 29. Juni 2005 zum Thema "Familienallianz" den Begriff der "unvollkommenen Alleinerziehenden". Nun befremdet uns dieser Ausdruck schon generell und von Grund auf, lässt aber darüber hinaus auch noch einige wenig schmeichelhafte Interpretationsmöglichkeiten offen.

So haben wir darüber reflektiert, was Sie wohl damit gemeint haben könnten. Bezieht sich nun diese Unvollkommenheit auf das Fehlen eines Partners/ Elternteiles, auf die Persönlichkeit und den Charakter einer/s Alleinerziehenden oder gar auf die Qualität der Kindererziehung in einer Familie, in der es nur einen Elternteil gibt? Sind Ein-Eltern-Familien in ihrer "Unvollkommenheit" eine minderwertige Form des Zusammenlebens?

Dass Sie auf den Anreiz und die Ermutigung für Ehe und Familien hinweisen, ist an sich eine gute Sache. Doch haben nicht gerade allein erziehende Mütter und Väter diesen Schritt, eine Familie zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen, schon hinter sich? Diese Entscheidung für eine Familie, für Kinder? Dass Ehen und Beziehungen dann in weiterer Folge scheitern können, ist leider eine traurige Tatsache, die wir nicht weiters werten wollen. Aber die, die am wenigsten dafür können, nur mit einem Elternteil aufzuwachsen, sind diejenigen, die am meisten darunter zu leiden haben: die Kinder.

Und diese werden mit Ihrem Begriff der "Unvollkommenheit" nun auch noch zu "unvollkommenen" Kindern in "unvollkommenen" Familien punziert. Dies ist, wie vorhin schon erwähnt, nur eine These, eine Interpretationsmöglichkeit Ihres Begriffes der "Unvollkommenheit" im Zusammenhang mit Alleinerziehenden. Aber was auch immer Sie uns damit sagen wollten, sehr geehrter Herr Bundeskanzler - was bleibt, ist eine absolute Abwertung der Stellung von Alleinerziehenden in unserer Gesellschaft. Dagegen verwehren wir uns auf das Äußerste! Wir appellieren dringend an Sie persönlich, sich in Ihrer Funktion als Bundeskanzler nicht abwertend gegenüber bestimmten Gesellschaftsgruppen, in diesem Fall jener der Alleinerziehenden, zu äußern, sondern sich bewusst zu machen, wie viel Verantwortung Sie mit Ihren bewertenden Aussagen zu tragen haben.

Denn über folgende Tatsachen müssen wir uns klar sein: Die (nach Ihren Worten unvollkommenen) Alleinerziehenden leisten einen vollkommen wichtigen Beitrag, um den erarbeiteten Wohlstandes unserer Gesellschaft auch in Zukunft erhalten zu können. Denn gerade dazu braucht es Kinder. Und diese werden auch von Alleinerziehenden mit vollkommener Hingabe und Liebe aufgezogen. Auch Alleinerziehende sind sich vollkommen ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern bewusst und nehmen deswegen auch vollkommen ihre Pflichten als Eltern wahr! Sie müssen dies allerdings zu einem beträchtlichen Teil unter besonders schwierigen Bedingungen tun.

Denn laut jüngstem Sozialbericht lebt jede siebente Alleinerziehenden-Familie (knapp 15 Prozent) in akuter Armut, darüber hinaus ist jede sechste Alleinerziehenden-Familie von Armut bedroht. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass laut unserer Befragung jede/r sechste Alleinerziehende (17 Prozent) weder Kindesunterhalt noch Unterhaltsvorschuss erhält. Denn Vater Staat springt leider nicht immer ein, wenn der leibliche Vater zur Bezahlung des Unterhalts für sein/e Kind/er nicht imstande oder willens ist. Die Österreichische Plattform für Alleinerziehende weist auf diese Tatsache schon seit Jahren hin, ohne dass es zu einer Änderung des Unterhaltsvorschuss-Gesetzes gekommen wäre.

Aus diesen Gründen würden wir uns von Ihnen, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, viel mehr Unterstützung wünschen, um die wirtschaftliche Situation der Alleinerziehenden-Familien, die fast dreimal so oft von Armut betroffen sind wie die übrige Bevölkerung, zu verbessern.

In der Hoffnung auf mehr Verständnis für die Anliegen von Alleinerziehenden und baldige, allgemeine Verbesserung der Situation von Ein-Eltern-Familien durch Ihre Mithilfe verbleiben wir

mit freundlichen Grüßen

Ingrid Piringer, Vorsitzende
Elfriede Wolschlager, 2.stv. Vorsitzende
Angelika Meister, Sekretariat

Österreichische Plattform für Alleinerziehende Carnerigasse 34, 8010 Graz, 0316/ 67 53 44, E-Mail

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