Am Rande des Rummels

11. Juli 2005, 22:12
posten

Das US-Trio The Bad Plus überrascht beim Jazzfest Wien in der Wiener Kammeroper

Wien – Die Kritik am Konzept des Jazzfest Wien, sich im Wesentlichen mit einer bloßen Anhäufung großer (und mitunter nicht mehr auf der Höhe ihrer Kunst agierender) Namen zu begnügen, sie ist so alt wie der Event selbst. Weshalb nun gerechterweise Meldung erstattet werden soll, wenn im Zuge der diesjährigen Festival-Ausgabe mitunter Gegenteiliges zu beobachten ist, ja, wenn sich das Mammutfestival mitunter sogar rühmen kann, echte "Entdeckungen" zu ermöglichen.

Nämliches begab sich in der Wiener Kammeroper. In gewisser Weise auch schon im Zuge des Konzerts von Nikola Jaritz, des steirischen Percussion-Lateiners, der in Kuba hohes Ansehen genießt, hier zu Lande jedoch nur selten über die Stadt Graz hinausgekommen ist.

Es war gediegener, gut abgehangener Latin Jazz, den der 52-Jährige mit dem juvenilen Äußeren zu Gehör brachte, eine Mixtur, aus der die subs^tanzbewussten Soli von Pianist Werner Radzik hervorstachen, die aber im Grunde unspektakulär blieb. Auch wenn die mediale Hochstilisierung Jaritz' zum verkannten Genie doch zu verwegen scheint, kennen sollte man diesen Mann allemal.

Eine echte Sensation bedeutete die Österreich-Premiere des amerikanischen Trios The Bad Plus, das doch tatsächlich eine radikale Neudefinition des klassischen Jazz-Klavier- Trio-Formats anzubieten hat.

Schmachtfetzen

Nicht der Pianist, sondern der Schlagzeuger spielt hier überraschenderweise den Hauptpart: Unter den Händen des großartigen David King beginnen Trommeln und Becken in virtuosen, von vertrackten Takt- und Tempowechseln durchsetzten Melodiestrukturen spannende, groovige Geschichten zu erzählen.

Pianist Ethan Iverson entwickelt in kluger Ökonomie kontrapunktische Linien oder hält sich in an der Elektronik abgelauschten Farbakkordeinwürfen zurück. Während Reid Anderson das Geschehen mit fettem, Dub-verdächtigem Bass-Sound fundamentierte: Auf diese Weise waren neben den geistreichen Eigenkompositionen tatsächlich auch bombastische und fußballstadiongeeichte Schmachfetzen wie "We Are The Champions" oder auch "Flim" von Aphex Twin im lustvollen Remake zu vernehmen, dafür kann man nur Danke sagen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2005)

Von Andreas Felber

Am Freitag beim Jazzfest im Arkadenhof des Rathauses: Anthony & The Jonsons, 19.00; das Konzert der Sängerin Lizz Wright ist nun auf 17. Juli (18.00, Rathausplatz) verschoben worden.

Link

viennajazz.org

  • The Bad Plus
    foto: jazzfest wien

    The Bad Plus

Share if you care.