Der lange Weg nach Hause

7. Juli 2005, 17:56
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Der amerikanische Comicstrip "Doonesbury" schildert die Genesung eines in Falluja verletzten Soldaten

Der Strip, bekannt vor allem für seine linksliberale Haltung, schildert sie aber nicht als konservative Wende.


Kriege sind nicht komisch. Was macht also ein Comicstrip mitten im Kampf um Falluja?

Im April 2004, als die Schlacht um die Hochburg der Aufständischen voll entbrennt, erwischt es eine der Figuren im amerikanischen Strip Doonesbury. Der Soldat B.D., ein konservativer Patriot, der sich freiwillig für den Einsatz im Irak gemeldet hat, wird beim Beschuss eines Humvees so schwer verletzt, dass ihm noch vor Ort ein Bein amputiert wird. In drastischen Bildern lässt das täglich in vielen hunderten Zeitungen erscheinende Vier-Bilder-Format die Leser an der Hölle der Front teilnehmen und schildert seither das weitere Schicksal von B.D., seine Behandlung und Heimkehr zur Familie.

Nun sind 84 Episoden als Buch erschienen: "The Long Road Home. One Step at a Time" (Andrews McNeel Publishing, 9,95 US-Dollar).

Der Schauplatz Falluja ist einerseits nicht verwunderlich. Doonesbury ist die politischste unter den im Mainstream erscheinenden Geschichten in Bildern. Seit mehr als 30 Jahren verschränkt ihr Schöpfer G. B. Trudeau den Alltag der Strip- Protagonisten (ursprünglich hauptsächlich Yale-Studenten) mit Politsatire, Pop- und Subkultur und akribisch beobachteter Zeitgeschichte.

Seit damals "wuchs" der Strip in jedem Sinn des Wortes. Die Charaktere wurden älter, bekamen Kinder, ließen sich scheiden, starben an Aids oder Herzschwäche. Und der Strip traute sich immer mehr, formal wie inhaltlich. Gleich blieb die linksliberale Agenda, die Trudeaus tägliche Dosis zu einer der wenigen konsequent kritischen Stimmen in den amerikanischen Printmedien machte, noch dazu meist auf den Unterhaltungsseiten.

Der Irakkrieg trug zur weiteren Politisierung des Strips bei. Kaum ein Tag, der dem Geschehen gewidmet war und nicht die Profiteure und Hetzer vorführte oder mal einen in die Fänge von Superpatrioten geratenen Araber, mal den als Feldherren verkleideten Präsidenten, der beim Pressetermin sinnentleerte Antworten gab.

Doch nichts davon ist in den Falluja-Episoden zu finden, und das ist andererseits das Überraschende an ihnen. Der amputierte B.D. erlebt Kameraderie und militärische Effizienz in der Rehabilitation, macht Phasen von Depression und Galgenhumor durch – seiner Frau sagt er am Telefon: "Die gute Nachricht ist, dass ich mein Idealgewicht erreicht habe ..." –, findet letztlich zu einer fürsorgenden Familie und zu Freunden zurück.

Wenn man es nicht besser wüsste, schrieb der Schriftsteller Kurt Andersen in der New York Times Book Review, "könnte man denken, dass der Autor pro Militär ist oder gar ein Republikaner". Das mag erklären, warum sich der konservative Senator John McCain zu einem begeisterten Vorwort bereit gefunden hat. Oder vielleicht zeigt das nur die größer werdenden Risse in der Front der Patrioten.

Dann wäre die Veröffentlichung des Comic-Buches ein sehr geschickter politischer Schachzug eines intelligenten Liberalen. Trudeau jedenfalls unterscheidet sehr genau zwischen dem Krieg und denen, die ihn "in unserem Namen" führen und erleiden. So bleibt die kritische Seite von Doonesbury unangetastet, und die amerikanische Zuversicht bekommt gleichfalls ihren Platz. In der letzten Episode des Buchs schenkt B.D.s Tochter ihm zu Weihnachten Kletterschuhe: "Ich bin eben ein Optimist."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2005)

Von Michael Freund
  • "The Long Road Home. One Step at a Time" (Andrews McNeel Publishing)
    foto: andrews mcneel publishing

    "The Long Road Home. One Step at a Time"
    (Andrews McNeel Publishing)

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