Hintergrund: Leichte Zuflucht in "Londonistan"

7. Juli 2005, 19:24
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Die britische Hauptstadt war immer schon Anziehungspunkt für radikale Islamisten - Erst nach 9/11 wurden die schlimmsten Hassprediger aus dem Verkehr gezogen

"Londonistan" – ist seit Langem eine Zufluchtsstätte für Islamisten aus aller Welt. Dank der großzügigen britischen Asylpolitik ließen sich hier all diejenigen nieder, die durch ihr radikales Religionsverständnis in ihrer Heimat aneckten. Sie machen in London seit Jahren weit gehend ungestört Propaganda – und mehr. In der britischen Hauptstadt fließen, so zeigen zahlreiche Untersuchungen, die Finanzströme von Al-Kaida zusammen. Als sich die Terroristen von Madrid durch ein Selbstmordattentat der Verhaftung entzogen, riefen sie eine Londoner Handynummer an. Osama Bin Laden soll von den Bergen Afghanistans vor dem 11. September unzählige Telefonate nach London getätigt haben.

So manche Moschee ist fest in den Händen der Radikalen. Der bekannteste islamistische Imam ist Abu Hamzah. Der 48- Jährige predigte im Londoner Norden im Finsbury Park den Heiligen Krieg. Der Islam sei überlegen, der Westen unterdrücke die Muslime, die Terroristen vom 11. September in New York und Washington seine "Märtyrer für eine gerechte Sache", hetzte der aus Ägypten stammende Abu Hamzah jeden Freitag. Radikale Muslime, die nach London kamen und keine Unterkunft fanden, nahm Abu Hamzah kurzerhand in der Moschee auf. Zahlreiche dieser jungen Männer wurden in Ausbildungslager nach Afghanistan geschickt.

Unter den Besuchern seiner Moschee waren etwa der "Schuhbomber" Richard Reid, der Ende 2001 ein Flugzeug auf dem Weg von Paris nach Miami in die Luft sprengen wollte, und der in den USA inhaftierte Terrorverdächtige Zacarias Moussaoui.

Als die Polizei die Moschee schließen ließ, machte der aus Ägypten stammende Abu Hamzah auf der Straße vor der Moschee weiter. Der Spuk hatte erst dann ein Ende, als Abu Hamzah, der in Afghanistan eine Hand und ein Auge verlor, im Mai 2004 verhaftet wurde. Am Dienstag begann der Prozess gegen ihn.

Mitten im Stadtzentrum, in der Baker Street, predigte jahrelang der radikale Palästinenser Abu Qatadah. Der Imam wurde 2002 als "geistiges Oberhaupt" von Al-Kaida in Europa verhaftet. Ein Prozess wurde ihm nie gemacht. Zusammen mit sieben Gesinnungsgenossen wurde er im März dieses Jahres unter strengen Auflagen freigelassen. Abu Qatadah steht in den USA auf der Liste derer, die‑ 9/11 vorbereitet haben.

Eine der schillerndsten Figuren der Islamistenszene ist Omar Bakri Mohamed. Die Organisation al-Muhajiroun, die der Syrier gründete, verbreitet die Idee vom großen Kalifat und will die Kader dafür bilden. Dazu unterhält Omar Bakri zahlreiche Schulungsräume in der gesamten Stadt. Auch nach 9/11 gab Omar Bakri weiterhin bereitwillig Interviews, in denen er bestätigte, junge Männer nach Afghanistan zu schicken. Er gibt ganz offen zu, "die weltweite islamische Revolution" vorbereiten zu wollen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. Juli 2005)

Von Reiner Wandler
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