Panikmache mit Kalkül

14. Juli 2005, 14:37
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Offener Brief an Sigurd Höllinger - von Benedikt Rettenbacher

Sehr geehrter Herr Sektionschef Univ.-Prof. Dr. Sigurd Höllinger!

Im Zusammenhang mit dem EuGH- Urteil wegen Diskriminierung von EU-Bürgern durch die heimischen Hochschulen scheinen die Pläne des Bildungsministeriums sich dahingehend zu entwickeln, dass den Rektoren ein starkes und autonomes Machtinstrument in die Hände gelegt werden soll, nämlich, Zugangsbeschränkungen am Beginn des Studiums oder zu einem gewissen Zeitpunkt nach einer Eingangsphase festzulegen.

Aus Sicht der Studierenden ist es im höchsten Maße bedenklich, wenn quasi einzelne Personen, insbesondere der jeweilige betroffene Rektor, autonom über das Schicksal künftiger Studierender entscheiden können. Dass Rektoren, die rational denken und wissen, dass sie vor allem der Professorenkurie, die sämtliche Mehrheiten in den universitären Gremien stellt, Rechenschaft schulden, ist klar. Professoren wiederum wünschen sich offen und geschlossen kleinere und elitäre Kohorten. Dies ist an der Wirtschaftsuniversität Wien bereits sichtbar geworden, wo die Professoren gemeinsam mit dem Rektorat gegen die Stimmen der Studierenden einen Entwicklungsplan beschlossen haben, der vorsieht, im künftigen dreigliedrigen System auf der Magisterebene die Studierendenzahl drastisch zu reduzieren.

Es scheint klar zu sein, dass ein Hüftschuss-Gesetz dieser Ausprägung der Universitätsleitung Tür und Tor für einseitige, ausschließlich von Inte^res^sen der Professoren geleitete, strategische Maßnahmen öffnet. Auf keinen Fall sollten derartig wichtige Weichenstellungen ohne die Mitsprache der Studierenden in Senat und Curricularkommission beschlossen werden können.

Sonderfall WU

Der Wirtschaftsuniversität Wien fällt eine gesonderte Rolle zu. Der Rektor der WU, Univ.-Prof. Christoph Badelt, ist Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz. Im Vorfeld zu seiner Wahl in diese politische Funktion hat er sich stark mit Forderungen nach allgemeinen Zugangsbeschränkungen in der Öffentlichkeit profiliert. Die Tatsache, dass er durch dieses Engagement von den österreichischen Rektoren gewählt wurde, lässt diese Forderung wie ein Wahlversprechen anmuten, das er vermutlich auch einzuhalten gedenkt!

Daraus ist zu schließen, dass Rektor Badelt die Möglichkeit der Selektion auch an der WU Wien wahrnehmen wird müssen, um nicht seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das Recht wird ihm per Gesetz erteilt werden, da "Betriebswirtschaft und fachverwandte Studien" als deutsche Numerus-clausus-Fächer gehandelt werden. Dass in Deutschland sämtliche wirtschaftlichen Studienrichtungen nicht mehr einem zentralen NC unterliegen, scheint hier nicht zu interessieren. Eine einfache Nachforschung bei der deutschen zentralen Vergabestelle hat ergeben, dass bei manchen Universitäten nicht einmal das Kontingent ausgelastet worden ist. Woher soll also die "Flüchtlingsflut" an Betriebswirten kommen?

Weiters hört man, dass die Bemessungsgrundlage für den österreichischen Numerus clausus der Durchschnitt der Studienanfänger der letzten drei Jahre sein soll. Die entsprechende Zahl für die Wirtschaftsuniversität läge somit bei ca. 3000 Studierenden. Verglichen mit den Studienanfängerzahlen des letzten Jahres müsste sich die Summe an Inskriptionen um mehr als 15 Prozent steigern, um diesen Wert zu erreichen.

Dazu kommt, dass die Wirtschaftsuniversität bereits im Studienjahr 2002/03 mit fast 3400 Erstsemestrigen gut umgehen konnte und das Rektorat selbst immer wieder betont hat, dass die WU sogar noch mehr Studienanfänger verkraften würde. Daher kann man davon ausgehen, dass die WU eine Steigerung von 30 bis 40 Prozent verkraften kann. Können Sie mir also bitte plausibel erklären, warum betriebswirtschaftliche Studienrichtungen Zugangsbeschränkungen benötigen sollen?

Weichenstellung

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass ein Numerus clausus, der über den zu erwartenden Studienanfängerzahlen liegt, ohnehin belanglos sei, weil er folgenlos bliebe. An sich stimmt das auch. Doch die Debatte ist für mich als Studierendenvertreter auch eine gesellschaftspolitische Grundsatzdebatte, die nicht nur die messbaren Wirkungen allfälliger Maßnahmen, sondern auch deren Symbolkraft berücksichtigen muss. Im gegebenen Fall würde für uns die Botschaft lauten: "Wir brauchen keine Zugangsbeschränkungen, weil alle Zahlen und Erwartungen dagegen sprechen, führen sie aber trotzdem ein!"

Zudem bin ich davon überzeugt, dass das, was uns heute als kurzfristige taktische Maßnahme präsentiert wird, schon bald als langfristige strategische Ausrichtung der österreichischen Hochschulpolitik erkennbar sein wird. Sie glauben doch nicht wirklich, dass sich die Rektoren in zwei Jahren die Möglichkeit, sich die Studierenden selbst auszuwählen, wieder nehmen lassen werden. Außerdem reichen bekanntlich zwei Jahre im Normalfall aus, um grobe Unsinnigkeiten salonfähig zu machen. Die Geister, die wir heute rufen, werden wir morgen nicht wieder los.

(DER STANDARD-Printausgabe, 8.7.2005)

Der Autor ist Vorsitzender der ÖH an der Wirtschafts­universität Wien (Aktions-Gemeinschaft WU)
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