Versuch einer Entwaffnung der Bilder

22. Juli 2005, 14:08
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Von den Schauplätzen in London geriet, verglichen mit 9/11, relativ wenig in Umlauf - ORF zeigte bis 13 Uhr Parlamentsdebatte

Während bei 9/11 TV-Bilder und private Aufzeichnungen von Horrorszenarien sehr schnell (und im Sinne der Terroristen) die Verunsicherung steigerten, geriet von den Schauplätzen in London relativ wenig in Umlauf.

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Attentate und Terroranschläge, das seien "immer Ins-Bild-Setzungen", meinte der deutsche Autor und TV-Macher Alexander Kluge, als ihn DER STANDARD wenige Stunden nach 9/11 unter dem Eindruck immer detaillierterer Horrorszenarien befragte: "Nehmen Sie das Bild von Hans-Martin Schleyer, das uns 1977 erschüttert hat. Die Aufnahmen aus Mogadischu. Dies sind öffentliche Bilder, und genau so ein öffentliches, terroristisches Bild wird jetzt hergestellt – im Gegensatz zum Bilderverbot von Kriegsführenden. In diesem Sinne setzt sich ein Stück 'Reality' des 21. Jahrhunderts durch gegen – so schlimm das klingt – eine Art von versuchter Zensur."

Montage: Beigelbeck
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Momentaufnahmen aus einem Nachmittag voll TV-Berichterstattung: Variationen immer gleicher Impressionen ließen das reale Horrorszenario bestenfalls erahnen. Anders als bei 9/11, wo TV-, Überwachungs- und Touristenaufnahmen den Schrecken perpetuierten, vermochte man in London die Terroranschläge auf der Bildebene relativ gut einzudämmen. Montage: Beigelbeck

"Infektion durch Zerstörungsbilder"

Kurzfristig hatten damals die USA ihren Unverwundbarkeitsstatus eingebüßt. Die Bilder aus TV-, Überwachungs- und privaten Digitalkameras waren als Dokumente der Zerstörung selbst zu Waffen im Zerstörungs- und Verunsicherungskonzept der Terroristen geworden. Unzählige Analysen sind seither über die "Infektion durch Zerstörungsbilder" geschrieben worden. Keine Frage, dass die Sicherheitsstrategen für kommende Anschläge diesen Aspekt der allgegenwärtigen Medien verstärkt mitbedacht haben.

Blick auf das potenzielle Ausmaß der Zerstörung

Als etwa erst rund um 14.30 Uhr erste Amateuraufnahmen eingeschlagener U-Bahn-Fenster durch die Newskanäle geisterten, boten sie einen raren direkten Blick auf das potenzielle Ausmaß der Zerstörung. Unter dem (im Übrigen nachvollziehbaren) Motto, man müsse die Sanitäter und Sicherheitskräfte unbehindert arbeiten lassen, waren die TV- Kameras außerhalb der abgeriegelten Zonen zu relativ unspektakulären Aufnahmen am Rande hektischer Geschäftigkeit verdammt.

Foto: REUTERS/Johnathan Bainbridge
Einsatzkräfte nahe Tavistock Square.

Zensur? Sprechen wir in diesem Falle lieber von einem Balanceakt zwischen notwendiger Deeskalation und einem staatlichen Interesse, die Anschläge eher herunter- als hochzuspielen.

Enthemmte Aufzeichnungstätigkeit

Wer gesehen hat, wie beispielsweise ein weinender, geschockter Mann von zwei Reporterinnen relativ ungerührt um Interviews gebeten wurde, kann ermessen, was ohne diese Schutzmaßnahmen an enthemmter Aufzeichnungstätigkeit erfolgt wäre.

Endlosschleifen

So aber wurde man irgendwann auf allen Sendern mit ähnlichen Endlosschleifen erster Impressionen – darunter das herangezoomte Wrack eines Doppeldeckerbusses, verletzte Passanten – konfrontiert.

Foto: APA/EPA/Stephen Pond

Dazwischen: weit gehend leere Straßenzüge, unter denen die wandernden News-Schriftzüge "Chaos!" nur behaupten konnten. Tony Blair, ernst. George W. Bush, nicht minder entschlossen. Keine Frage, man werde sich von seinen Prioritäten nicht abbringen lassen – und das erzählten letztlich auch die "entwaffneten" Bilder.

Gar nichts zu zeigen wäre im Übrigen wohl nicht minder fatal als hemmungslose Zerstörungsabbildung: Laut Alexander Kluge funktionieren selbst harmloseste News- und Bildwiederholungen wie "Filter". "Stellen Sie sich vor, Sie sehen, wie dieses Flugzeug in den Turm rast. Dann wird der Bildschirm dunkel – Nachrichtenpause. Ihnen wäre ungeheuer unheimlich. Unsere Vorstellungskraft, um ein solches Entsetzen als echt zu realisieren – sie braucht Zeit."

Und plötzlich war neben Budapest auch noch Warschau bedroht

Etwas davon war übrigens in den Textinserts etwa von n-tv auch zu spüren: nämlich als laut ersten polnischen Agenturberichten das Regierungsgebäude in Warschau brannte oder – etwas später – drei Einkaufszentren in Budapest wegen Bombendrohungen evakuiert wurden. Es war förmlich mit Händen zu greifen, wie hier vor dem inneren Auge der Reporter ein wahrer Flächenbrand sich ankündigte. Einer Journalistin wurden die "Drohungen" gleich zu "Anschlägen", und plötzlich war neben Budapest auch noch Warschau bedroht.

Küniglberg reagierte bedrohlich gelassen

Fast schon bedrohlich gelassen agierte übrigens der Küniglberg. Während ARD und ZDF längst ihre Programme umgestellt hatten und erste Reportagen boten, ließ man auf ORF 1 gemütlich das Kinderprogramm weiterlaufen und blieb – nach einem Kurzabstecher nach London – bis 13 Uhr auf ORF 2 bei der Universitätsdebatte im Parlament. Sicher auch nicht unwichtig – aber so etwas wie ein Newsticker am unteren Bildschirmrand muss im ORF wohl noch erfunden werden. (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2005)

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