Sydney grüßt Küniglberg - Australische Charmeoffensive um Sendeanlagen

11. Juli 2005, 17:32
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Raiffeisen gilt als erste Wahl, aber auch die australische Macquarie-Gruppe ist noch im Rennen

"Zwei Minuten noch, bitte": Im ovalen, dunkel getäfelten Besprechungsraum der Wiener Anwaltskanzlei Binder-Grösswang will erst noch ein Stiftungsrat des ORF über zeugt werden. Immerhin geht es um Dutzende Millionen Euro und 40 Prozent an der ORF-Sendertochter ORS.

Montag sollen die Stiftungsräte entscheiden, mit wem der ORF verhandelt. Raiffeisen gilt als erste Wahl, aber auch die australische Macquarie-Gruppe ist noch im Rennen. Bis 1. September müssen die Partner an Bord sein.

Den ganzen Mittwoch führte Scott Davies, extra aus Sydney eingeflogener Executive Director von der Macquarie Communications Infrastructure Group, in der riesigen Innenstadtkanzlei Gespräche darüber. In Österreich hat die Gruppe etwa Telekom Austria, Alcatel und Motorola beim Blaulichtfunk für das Innenministerium beraten.

Macquarie ist ein australischer Finanzriese. Was bringt eine Bank dazu, in Rundfunkinfrastruktur zu investieren? Wir sind keine Bank, sondern eine Kommunikationsfirma, sagt Davies da. Rund zehn Prozent an der gehörten noch der Bank, die freilich auch das Management stellt. Der Rest Investoren wie Pensions- und anderen Fonds.

Die wollen gemeinhin Renditen. Woher kommen die, wenn man sich in Rundfunkanlagen einkauft wie jene des ORF oder das Sendernetz Ungarns, um das Macquarie wie die ORS bietet? Die demnächst auch noch kostspielig für Digitalfernsehen umzurüsten sind. Wo bleibt da die finanzielle Fantasie?

"Unsere Investoren wollen langfristige, stabile Erträge", versichert Davies im Gespräch mit dem STANDARD. Und erklärt das Geschäft mit langfristigen Verträgen mit Rundfunkanbietern und den Sendeanlagen als starke "asset base".

Könnte ja sein, dass er die Masten so attraktiv findet, weil sie sich vielleicht für Wimax oder ähnliche Datennetze nützen ließen. Darauf tippen Stiftungsräte. Davies spricht lieber von Rundfunk.

Lohnt sich der teure Umstieg auf digitales terrestrisches Fernsehen überhaupt, wenn nur noch 14 Prozent der Haushalte alleine über Antenne fernsehen? Davies verweist auf mehr Kapazität für Programme im digitalen Netz. Und die Programme wollen – kostenpflichtig – transportiert werden. Er verweist zudem auf Zweitgeräte in den Haushalten, die über Antenne empfangen. Auf mobilen Fernsehempfang. Und nicht zuletzt auf das höchst mobile Medium Radio. Digital funktioniert es in England, wo Macquarie 54 Prozent an einem Rundfunknetz hält, ebenso in den USA und Australien, wo Macquarie das Netz des öffentlichen Rundfunks betreibt. In Deutschland (und Österreich) scheiterte es – jedenfalls bisher – gründlich.

Davies war knapp vor Ende der Anbotsfrist für die 40 Prozent an der ORS in Wien. 80 bis 100 Millionen könnten die kosten, heißt es auf dem Küniglberg. Davies schweigt zur ORS wie zum ungarischen Netz.

Grundsätzlich begnüge sich seine Gruppe auch mit einer qualifizierten Minderheit – zwischen 20 und 40 Prozent etwa – an Sendegesellschaften. Eine Beteiligung zusammen mit lokalen Partnern kann er sich vorstellen. Nicht ohne den Richtung Küniglberg freundlich zwinkernden Nachsatz: "Aber die besten Partner sind natürlich die Unternehmen, die die Sender schon bisher betrieben haben." (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2005)

Die australische Macquarie-Gruppe machte 2004 430 Millionen Euro Gewinn vor Steuern. Sie investiert neben Rundfunknetzen in Autobahnen wie in Großbritannien und Südafrika, Flughäfen wie Brüssel, Birmingham, Bristol, Kopenhagen und Rom, Energie, zuletzt ein Kabelnetz in Südkorea, Internetdienste. Eine andere Tochter über nahm in einem Konsortium BBC Broadcast.
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