Terroristen brauchen Massenmedien als Bühne

19. Juli 2005, 16:19
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Medien und Terrorismus, eine belastete Symbiose - Medien müssen Nachrichtendruck gehorchen

Die - schrecklichen - Bilder scheinen sich zu gleichen: Chaos auf den Straßen, Verletzte, Einsatzkräfte unterwegs. Und auch die Reaktion der Medien ist bekannt: Ob New York, Madrid oder London - ab der ersten Minute gilt es, dabei zu sein, zu zeigen, was zu sehen ist, zu berichten, was geschieht.

Spannungsfeld

Medien und Terrorismus leben nicht erst seit den Anschlägen am 11. September 2001 in einer höchst belasteten Symbiose. Doch seit den Anschlägen auf das World Trade Center beschäftigt sich auch die Kommunikationswissenschaft wieder verstärkt mit diesem Spannungsfeld.

Dramaturgie des "modernen Terrorismus"

Der "moderne Terrorist", so eine These, hat sich zum Entertainer gemausert, der die Medien als Bühne für seine Aktivitäten nutzt. Spätestens, als zwei Flugzeuge Hollywood-reif in die Türme von New York rasten, sahen sich viele in dieser Einschätzung bestätigt. Die Dramaturgie von 9/11 schien perfekt auf die Bedürfnisse der Medien zugeschnitten. Und diese konnten gar nicht anders, als die Maschinerie der Berichterstattung anzuwerfen.

Abhängigkeitsverhältnis

Er herrscht also ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, schrieb der Medienwissenschafter Stephan Alexander Weichert im Vorjahr in einer Ausgabe der Schweizer Zeitschrift "Medienheft": "Weil Terroristen bei einer größtmöglichen Anzahl von Menschen einen psychologischen Effekt auslösen wollen, sind sie von den Journalisten abhängig.

"Rausch des Live-Sendens"

Umgekehrt gilt das Gebot, dass Journalisten terroristische Ereignisse - auf Grund der Negativqualität - schlicht nicht ignorieren können." Andere Experten unterstellen den elektronischen Medien einen "Rausch des Live-Sendens", den die Terroristen zu bedienen wissen, oder sehen Terrorismus als "Kommunikationsstrategie", die natürlich die Medien nutzt.

Zurückhaltung

Gibt es aber überhaupt einen Weg aus dieser Spirale? Eine radikale Maßnahme wären Nachrichtensperren, was aber grundrechtlich wohl kaum akzeptabel oder wünschenswert wäre. "Eine gewisse journalistische Zurückhaltung, was die oft ungefilterte Live-Berichterstattung und die unreflektierte Übernahme von Ereignissen und Bildern mit terroristischem Hintergrund angeht, wäre oftmals angezeigt", so Weichert.

"Richtigkeit vor Schnelligkeit"

"Auch wenn dies im ersten Moment nicht immer praktikabel erscheint, muss die Journalistenregel 'Richtigkeit vor Schnelligkeit' stets mitbedacht werden." Im Umgang mit Bildern von Terrorakten seien stärkere Selbstkontrolle und mehr Verantwortungsbewusstsein angebracht. Wesentlich sei auch "eine größere Transparenz journalistischer Arbeitsweisen".

Anregungen, die sich Medien sicher zu Herzen nehmen sollten. Allein, wenn der Nachrichtendruck so stark wird wie am Donnerstag nach den ersten Meldungen aus London, wird wohl auch künftig jeder noch so gute Vorsatz auf die Probe gestellt werden. Und Zuschauer, die den Fernseher einschalten, um zu erfahren, was passiert ist, werden ein Interview sehen, in der eine Frau sagt: "Wir wissen nicht, was passiert ist." (Katharina Schell/APA)

Spezial

Terror in London in derStandard.at /Politik

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