Analyse: Al-Kaida hat noch genügend Energien für Europa frei

19. Juli 2005, 14:18
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Experten erwarten Exodus von Terroristen aus dem Irak nach Ende des Aufstands - Von Gudrun Harrer

Die alten "Kaida Osama Bin Ladens" gibt es nicht mehr. Das ist keine gute, sondern eine sehr schlechte Nachricht, denn was für die Organisation schon zu Zeiten von 9/11 gegolten hat und was sie so schwer fassbar macht – dass eine relativ kurze hierarchische Struktur über einem an den Rändern völlig amorphen Gebilde steht – hat sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt. Das heißt, Osama Bin Laden ist längst nur mehr ein ideologischer Referenzpunkt für viele Organisationen unterschiedlicher Größe und "Qualität", die nichts voneinander wissen und über die die Zentrale nicht unbedingt etwas wissen muss. Für die Planung und Durchführung von terroristischen Operationen braucht man sie längst nicht mehr. Ob Osama Bin Laden noch lebt, ist da ebenfalls nebensächlich, man kann sich so oder so auf ihn beziehen.

Gleich bleiben gewisse Muster: die Gleichzeitigkeit von möglichst vielen Anschlägen, bereits bei den Angriffen 1998 auf zwei US-Botschaften in Afrika (Nairobi und Daressalam), und, wenn möglich, ein "Zitat" der Wirtschaft – die symbolträchtige Wahl des World Trade Centers in New York oder die Gleichzeitigkeit mit dem Gipfel der Reichen und Mächtigen in Schottland. In Madrid hingegen standen ganz klar begrenzte politische Ziele im Vordergrund.

Bindung im Irak

Erschreckend ist auch, dass die terroristische Energie für Anschläge eines solchen Ausmaßes in Europa ausreicht, wo doch der Kampf woanders stattfindet: Der Irak hat momentan oberste Priorität und ist ein Anziehungspunkt für Djihadisten aus aller Herren Länder – und trotzdem bindet er nicht alle Energien des Terrorismus. Auch aus Saudi- Arabien wurde vor einiger Zeit ein Richtungsstreit der Kaida bekannt, wo verschiedene Gruppen uneinig darüber waren (und sind), ob nicht der Sturz des saudischen Königshauses noch vor der "Befreiung" des Irak kommen sollte.

Terrorexperten der ganzen Welt blicken mit großer Sorge auf den Irak, nicht nur wegen der katastrophalen Lage dort, sondern auch wegen der Auswirkungen auf die Zukunft. Irgendwann wird der Aufstand im Irak einschlafen oder niedergeschlagen sein – und eine Generation von Djihadisten wird sich vom Irak aus auf den Weg in ihre Länder zurück machen oder dorthin, wo sie gerade "gebraucht" werden.

Dieses Phänomen ist aus Afghanistan gut bekannt, von wonach Beendigung der sowjetischen Besatzung die "Afghanen" in die arabische Welt strömten: etwa in den Bürgerkrieg in Algerien oder in den Terrorkampf der militanten ägyptischen Gruppen gegen den ägyptischen Staat in den Neunzigerjahren. Im Vergleich mit den zukünftigen "Irakern", die im heutigen Irak militärische Fertigkeiten erlangen, die sie etwa der neuen irakischen Armee durchaus ebenbürtig machen, waren sie einfache Guerilleros. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. Juli 2005)

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