Wifo-Experte: Kein Einfluss auf Konjunktur

27. Juli 2005, 18:54
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Anschläge mit jenen vom 11. September nicht vergleichbar - Münchner ifo Instituts rechnet mit kurzfristigen Auswirkungen auf Finanzmärkte

Wien - "Für den Moment kann man nicht davon ausgehen, dass dieser Terroranschlag die Konjunktur auf europäischer Ebene oder weltweit über Monate oder Jahre hinaus beeinflussen kann", meint Stephan Schulmeister, im Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo unter anderem für Internationale Wirtschaft und Finanzmärkte zuständig, im APA-Gespräch.

Die heutigen Anschläge in London - so schrecklich sie auch seien - seien mit jenen vom 11. September in den USA nicht vergleichbar, meinte Schulmeister heute, Donnerstag, zur APA. Die Anschläge in den USA hätten eine ganze Welle von Änderungen in der US-Außen- und Militärpolitik zur Folge gehabt, die zum Teil - wie der Irak-Krieg - aber auch schon vorher geplant gewesen seien. Vom jetzigen Ereignis sei keine vergleichbare Wirkung auf die Außenpolitik Großbritanniens oder der EU zu erwarten, so Schulmeister.

Die andere Dimension zeige sich auch bei einem Vergleich der kurzfristigen Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die Aktienkurse hätten zwar auch heute nachgegeben, aber bei weitem nicht so stark wie in den USA nach dem 11. September: Damals seien die Aktienkurse um bis zu 15 Prozent eingebrochen, heute in der Spitze nur über 3 Prozent. Der Ölpreis habe diesmal ebenfalls massiv nachgegeben, damals habe er eher angezogen, sieht Schulmeister noch einen Unterschied.

ifo rechnet ebenfalls mit kurzfristiger Auswirkung

Die Serie von Terroranschlägen in London wird auch nach Einschätzung des Münchner ifo Instituts zunächst nur kurzfristige Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. "Im Augenblick gehe ich nur von einem momentanen Einbruch aus", sagte ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb der dpa am Donnerstag in München nach den kräftigen Kurseinbrüchen an den Börsen. Es sei ein übliches Muster, dass die Finanzmärkte in solchen Fällen überschießen. Einen Grund, an den Konjunkturprognosen zu rütteln, gebe es nicht. Es sei aber generell noch zu früh, um alle Konsequenzen der Anschläge auch für die Wirtschaft beurteilen zu können.

Gerade ängstliche Anleger gingen im Fall solcher Ereignisse aus den Aktienmärkten heraus, sagte Nerb. Auswirkungen auf die Stimmung in der deutschen Wirtschaft bei der monatlichen Erstellung des ifo- Geschäftsklimaindex seien grundsätzlich nicht auszuschließen. Man werde daher genau hinschauen, welche der Antworten auf die Umfrage vor den Ereignissen in London eingegangen seien und welche danach.

Die Terroranschläge in London dürften nach Einschätzung des deutschen Einzelhandels auch bei den Konsumenten nur kurzfristig zu einer Verunsicherung beitragen. "Die Menschen werden sicher erstmal gebannt zu Hause an den Bildschirmen die Geschehnisse verfolgen", sagte der Sprecher des Branchenverbandes HDE, Hubertus Pellengahr am Donnerstag. Die Erfahrung aus früheren Ereignissen dieser Art habe gezeigt, dass die Verbraucher danach recht schnell wieder zum Konsum zurückkehren. In wieweit sich die jüngsten Ereignisse in London auf das Kaufverhalten in größeren Städten in Deutschland auswirken könnten, sei daher noch reine Spekulation. (APA/dpa)

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