Finanzmärkte im Bann des Terrors

27. Juli 2005, 18:54
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Touristik-Firmen, Airlines und Versicherer unter Druck - Anleger schichten in Rentenwerte um - Verkaufsdruck bei britischem Pfund

Frankfurt - Eine Serie von Anschlägen in Londoner U-Bahnen und Bussen hat an den Finanzmärkten am Donnerstag für Turbulenzen gesorgt. Händler sagten, dies habe "böse Erinnerungen" an die Attentate vom 11. September 2001 in New York und Washington sowie vom 11. März 2004 in Madrid geweckt.

Der britische Premierminister Tony Blair sagte, die Anschläge sollten offenkundig mit dem Beginn des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles zusammenfallen.

Verluste auf breiter Front

Aktien verloren auf breiter an Front an Wert, ebenso Öl und das Pfund Sterling. Als vermeintlich sichere Anlagen zogen Anleihen, der Schweizer Franken und der Goldpreis dagegen an. In Frankfurt fiel der Deutsche Aktienindex (DAX) um fast 4 Prozent auf 4.444 Punkte, erholte sich im Verlauf leicht.

In Wien fiel der ATX zwischenzeitlich unter die 3.000 Punkte-Marke, gegen 15 Uhr MESZ notierte der Leitindex mit 3.036 Punkten nur noch 1,5 Prozent im Minus.

Uneinigkeit über Auswirkungen

Nach erster Einschätzung von Volkswirten wird die Tat nur begrenzte Folgen für die Weltwirtschaft haben. Der Chefvolkswirt der HypoVereinsbank (HVB), Jörg Krämer, erinnerte an die Folgen der Anschläge auf New York, die seinerzeit eine völlig neue Weltlage ergeben hätten. Trotz der katastrophalen Opferzahlen und riesigen Verunsicherung seien die Folgen für die US-Wirtschaft nur begrenzt gewesen.

Händler in Frankfurt warnten aber, dass die Bedeutung von London als internationales Finanzzentrum größer als die von New York sei. "London ist die Finanzmetropole schlechthin. Da läuft alles zusammen", sagte ein Händler.

Panische Reaktionen

Die Märkte reagierten zeitweise panisch. "Eins kann man ganz sicher sagen, jetzt ist Sicherheit gesucht, und das entlädt sich an den Rentenmärkten und belastet die Aktien", fasste Devisenstratege Mario Mattera vom Bankhaus Metzler die Reaktion der Märkte zusammen.

Am Aktienmarkt reagierten die Anleger mit massiven Verkäufen besonders von Aktien der Versicherer und Touristik- sowie Luftfahrtkonzerne.

In Deutschland etwa verloren Allianz und Münchener Rück in der Spitze bis zu fast 6 Prozent an Wert. TUI-Aktien waren mit einem Minus von fast 7 Prozent zeitweise größter DAX-Verlierer, Lufthansa büßten rund 8 Prozent ein.

Am Ölmarkt lösten die Attentate nach Aussage von Händlern Panikverkäufe aus. Es gebe Sorgen am Markt über die Auswirkungen der Tat auf die Wirtschaft. Der Ölpreis rutschte zeitweise um fast 5 Dollar auf 57,20 Dollar je Barrel (159 Liter) der US-Leichtölsorte WTI. Im Verlauf stieg der Preis aber wieder auf über 60 Dollar.

Zugleich zog der für die europäischen Rentenmärkte richtungweisende Bund-Future in der Spitze um 140 Ticks auf ein Allzeithoch von 124,06 Punkte an. In politisch unsicheren Zeiten ziehen Anleger in der Regel die Staatsanleihen als vermeintlich sicheren Anlagehafen den Aktien vor.

Pfund massiv unter Druck

An den Devisenmärkten geriet das Pfund Sterling unter massiven Verkaufsdruck. Mit 1,7403 Dollar notierte die britische Währung auf dem niedrigsten Niveau seit 19 Monaten. Die Bank von England (BoE) und die Europäische Zentralbank (EZB) beließen die Zinsen für Großbritannien und die Euro-Zone indessen unverändert.

Zeitweilig hatten die Anschläge die Spekulationen auf die Bereitstellung zusätzlicher Liquidität verstärkt. Nach den Anschlägen in New York hatten Zentralbanken als Stimulus für die verunsicherte Wirtschaft die Zinsen gesenkt.

Der Euro stieg zeitweise um einen US-Cent über die Marke von 1,20 Dollar, bröckelte im Verlauf aber wieder ab.

Franken und Goldpreis fester

Der Schweizer Franken und der Goldpreis profitierten wie die Staatsanleihen von ihrem Status als krisensichere Anlagen. Der Franken zog um mehr als ein Prozent an, so dass der Dollar zeitweise auf unter 1,29 Franken von über 1,30 Franken fiel.

An der Edelmetallbörse stieg der Preis für Gold um rund ein Prozent auf ein Tageshoch von 427 Dollar je Feinunze. (APA/Reuters)

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