Der Funk-Soul-Brother

11. Juli 2005, 22:12
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Atemberaubende Mischung aus traditionellem und erneuertem Funk und Soul: "Multiply" von Jamie Lidell

Der Brite Jamie Lidell präsentiert auf seinem Album "Multiply" eine atemberaubende Mischung aus traditionellem und elektronisch erneuertem Funk und Soul.

Der folgende Satz über das neue Album von Jamie Lidell ist vom Kollegen ausgeborgt, passt aber halt gar so gut: "Wenn man kein Soul-Taliban ist, ist Multiply schon sehr super."

Allerdings. Das mit dem Taliban bedeutet vor allem eines: Was Lidell hier als konsequente Weiterführung seiner bisherigen Arbeiten - allein oder im Verein mit dem Techno-Produzenten Cristian Vogel als SuperCollider - präsentiert, ist einerseits ein astreines Soul-Album. Andererseits delektiert sich Lidell genüsslich daran, die von ihm mit seiner Weltstimme geschaffenen tiefen Gefühlsäußerungen mit den Mitteln zeitgenössischer Elektronik zu perforieren: Er beugt Melodien, beschleunigt die Beats und lässt den Synthie ebenso schnalzen wie den Angeberbass. Und das alles in den gerade richtigen Dosierungen.

Als zeitliche Referenz zur Originalmusik bedeutet das, dass Lidell sich an den frühen 70ern orientiert. Abteilung: Sly & The Family Stone schütten einen Berg Nasenpulver auf, verinnerlichen diesen - und schauen, wie das neu angeschaffte Spielzeug im Proberaum dann klingt, wenn man bei der Verkabelung auch noch ein bisschen kreativ ist. Das erinnert ein wenig an die Herangehensweise von SuperCollider. Jenes oben beschriebene Dreamteam, das 1999 auf dem Album Head On eine atemberaubende Fusion von Techno und Funk bewerkstelligte. Vogel besorgte damals die Beats, und Lidell verband mit seiner Stimme die Bruchstellen. Mit einem Gesang, der altem Blues ebenso Rechnung trug wie seinem eleganteren Nachfahren, dem Rhythm'n'Blues. Und weil man gerade dabei war, nahm das Duo Funk, Disco und House auch noch mit - im Vollkontakt. Im Gegensatz zu diesen stellenweise schon hypernervös anmutenden Entwürfen und seinem noch viel anstrengenderen Solodebüt Muddlin Gear (2000) erlebt man auf Multiply nun einen anderen Lidell. Einen, der zwischen Nonchalance und konzentrierten, punktgenauen Einsätzen im Beat-Gewitter wechselt - ohne dabei je die Balance zu verlieren. Denn Soul bedarf schon auch einer Erdung. Um diese zu gewährleisten, vertraut er auf verdiente Garanten: also faule, verschobene Rhythmen, Orgelschübe und Klicke-di-Klack-Schlagzeug, wie man es von Al Jackson, der Rhythmusmaschine hinter Al Green oder O.V. Wright, kennt. Man höre nur What Is It This Time?

Wenn der in Berlin lebende Brite der Versuchung der Modernisierung nicht nachgibt, schüttelt er gut abgehangene Wuchteln wie Music Will Not Last aus dem Handgelenk: ein simpel auf einem reduzierten Rhythmus errichteter Song, der bis auf seinen Bass auch von einem jungen Stevie Wonder stammen könnte. In der Tat hält Lidells Stimme diesem Vergleich stand. Anders das darauf folgende New Me. Dieses Stück fährt mit vollem Dampf auf den Tanzboden: Blaxploitation-Soundtracks treffen auf trockene Bläsersätze, an die sich ein Basslauf heftet, der auch von Prince in seinen besten Tagen stammen könnte. Oder vom alten Schwerenöter, dem New Yorker Synthie-Funker Rick James, selig. Lidells Mischung aus Tradition und ihrer Erneuerung erblüht auf Multiply jedenfalls prächtig. Ein Killeralbum - und Taliban sind ja bekanntlich etwas eingeschränkt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2005)

Von Karl Fluch
  • Jamie LidellMultiply  (Warp/Edel)
    foto: warp/edel

    Jamie Lidell
    Multiply
    (Warp/Edel)

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