Lügende Küsse, wütende Lüstlinge

14. Juli 2005, 17:08
2 Postings
Lügende Küsse, wütende Lüstlinge - oui, ich war in Zürich! Hier werden Schulden zu Schüldli und Konfekt zu Sprüngli. Die Bankhäuser heißen Füssli, Küssli & Stüß, aber man müht sich erst mit Kunden ab, wenn das zu deponierende Sümmchen größer ist als das Konto-Nümmerli. Wüst & leer lag die Bahnhofstraße um 6.30 Uhr früh.

Die Sonne lüpfte die trüben Dünste über dem See, und überall vereitelten überflüssige Bären die freie Sicht auf Bülgari-Auslagen. Plastik-Themen-Bären, von überbewerteten Künstlern übellaunig zusammengestümpert. Ursprünglich reüssierten diese Künstler mit künstlichen Kühen, was vom Standpunkt der Volkstümelei auch begründbar scheint. Dieses Frühjahr bestückte man jedoch die Bürgersteige großzügig mit unnützen Bären, denen weder ein Sinn innewohnt noch ein ü. Mich dünkt die bemühte Infantilisierung überteuerter Geschäftsstraßen dümmlicher Müll. Wer von Themen-Plastik-Bären übermannt werden will, verfüge sich nach Bern! Mir, die ich Bülgari-Jüwelchen amüsanter finde, wird von der Bärenbrut nur übel.

So mühte ich meine Füßchen, gehüllt in günstige H.-Lang-Schühchen, zum Hallenbad City, um mein Mütchen im Flüssigen zu kühlen und Rückenschwimmen zu üben. Die Architektur ist kühn und die Bahnen streng durch Perlschnüre geteilt. Keine kürbisköpfigen Querschwimmer stören, und man überwindet zügig fünfzig Meter wie im Flügelschlag. Führen Sie stets genügend Badeanzüge mit sich, wenn Sie der Weg an Zürichs Küste führt!

Anschließend verrückte uns einer der Vorortzüge nach Rüschlikon, zum Gottlieb-Duttweiler Institut, dem vernünftigsten Teil Zürichs. Das Institut für Zukunfts- und Gesellschaftsforschung liegt hoch über dem See, in seinem blühenden Park "Im Gruene" lümmeln weder betrügerische Bären noch unglückliche Kühe noch müßige Lindwürmer. Durch glückliche Fügung erfuhren wir vom GDI-Führungskräfte-Seminar "Böse Mädchen kommen in den Vorstand". Ausführlich sprachen wir über Zukünftiges.

Obwohl wir uns tagsüber unermüdlich die verwünschten Füllungen mit Sprüngli rüiniert hatten, trieb es uns abends noch durch die Hintertür in die überfüllte Kronenhalle, zu Rüblitorte und anderen Krümeln, die landesüblich von den Tischen der Reichen unter ihre Stühle fallen. Auf dem Rückflug traf ich noch entzückende Galeristinnen, leicht übermüdet und völlig überschweizt. Nach der Überdosis Freundlichkeit sehnten sie sich nur noch zurück ins mürrische Wien. Leise flüsterte ich dem sich unter den Tragflügeln verflüchtigenden Zürich zu: tschüss, mit ü.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/8/7/2005)

  • Artikelbild
Share if you care.