Gereizte Stimmung: "Wir wollen, dass sie abhauen"

8. Juli 2005, 16:18
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In Gleneagles machen Globalisierungsgegner gegen die "Herrscher der Welt" mobil

Gereizte Stimmung während des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles: Friedliche und weniger friedliche Demonstranten tun ihren Unmut lautstark kund.


"Presse, hier melden!" Wie ein gemaltes Ausrufezeichen lehnt das Pappschild an einem Stuhl auf der Wiese. Dahinter Zelte, ein kleines Windrad, Stromgeneratoren. Neben dem Schild sitzt James McDonald und passt auf, dass sich kein Journalist ins Lager einschleicht. Man ist lieber unter sich im "Eco Village" am Rande von Stirling, einer schottischen Kleinstadt, über der imposant eine uralte Burg thront. Rund fünftausend Globalisierungsgegner campen im "Ökodorf" neben einem Fußballstadion, in dem sonst die Kicker von Stirling Albion dem runden Leder nachjagen.

"Wir sind hier, um den Gipfel zum Scheitern zu bringen. Wir wollen, dass sie abhauen, dass die G-8 ihre Farce abblasen müssen." McDonald, ein 24 Jahre alter Dubliner, darf als Einziger mit Journalisten reden. Ein hagerer, wütender Mann mit dunklem Vollbart.

"Acht weise Männer maßen sich an, über das Schicksal von sechs Milliarden Menschen zu entscheiden", wettert er. "Wer hat diesen Heuchlern das Recht gegeben, sich als Herrscher der Welt aufzuspielen?" Nein, für McDonald gibt es nur eine Art, sich gegen die "kapitalistische Farce" zu wehren, "Action", kein ewiges Rumgerede, keine Heia-Popeia-Konzerte wie Bob Geldofs "Live 8", sondern Taten. In der Nacht zum Mittwoch rücken einige Hundert Hardliner vermummt aus dem Zeltlager bei Stirling aus. Sie versuchen, Autobahnen zu blockieren, werfen Steine auf Polizisten, manche greifen zu Knüppeln und Eisenstangen.

Ziel der Stadtguerilla ist es, die knapp 30 Kilometer zwischen Stirling und Gleneagles zu überwinden. Weit kommen sie nicht. Statt vorm luxuriösen Gipfelhotel zu protestieren, demolieren sie in Stirling Autos und Geschäfte. Die Folge ist ein Verkehrschaos, das halb Schottland am ersten Tag der G-8-Konferenz in einem riesigen Stau stecken lässt.

Rings um Gleneagles sieht es aus, als wäre die innerdeutsche Grenze im Norden des britischen Königreichs neu entstanden. Von klobigen Wachtürmen suchen Scheinwerfer die Wiesen ab. Schwere Helikopter schwirren wie überdimensionale Wespen über Auchterarder, der Ortschaft, die dem Konferenzhotel am nächsten liegt. Es sind mindestens 4 000 Demonstranten, die am Mittwoch durch Auchterarder ziehen, mit zwei Stunden Verspätung, aufgehalten durch unzählige Straßensperren. Ein Grüppchen der "Klandestinen Clowns", die Gesichter weiß bemalt, gräbt mit Spaten den Rasen des lokalen Golfplatzes um. Im Dorfpark herrscht Volksfeststimmung, nichts von dem Hass, wie ihn James McDonald predigt.

Sue Wood, 52, eine zierliche Frau mit braunen Zöpfen, hat Oscar mitgebracht, ihren achtjährigen Nachzügler. Ihre drei Töchter sind längst aus dem Haus, und Sue hat vor zwei Jahren beschlossen, "endlich auszubrechen aus meinem häuslichen Kokon", sich im Diskussionsforum der "G8 Alternatives" politisch zu engagieren. Den Ausschlag, sagt sie, habe der Irakkrieg gegeben. "Eine bessere Welt", "ein kooperatives System", "gleiche Handelsrechte für Afrika", so beschreibt sie vage ihre Ziele. Auf ihrer Stirn prangt in grellem Grün die Parole "No War!". Mit den Chaoten hat sie "rein gar nichts am Hut". Die Londoner Boulevardblätter, die jeden Schläger sofort auf die Titelseite heben, die lassen sie kochen vor Wut. "Leute wie ich kommen dort gar nicht mehr vor, ein völlig schiefes Bild." Gewalt das sei das Einzige, was die Pressemeute zu interessieren scheine. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.07.2005)

Von Frank Herrmann aus Gleneagles
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    Flammende Protestaktion: Vertriebene Sudanesen entfachen ein Strohfeuer als Demonstration gegen die Gewalt in der Krisenregion Darfur.

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